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Schlesinger-Skandal: „Den moralischen Kompass verloren“

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Von: Stefanie Thyssen

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Patricia Schlesinger, ehemalige Intendantin des RBB.
Patricia Schlesinger, ehemalige Intendantin des RBB. © Britta Pedersen/dpa

Jo Groebel ist einer der renommiertesten Medienexperten in Deutschland. In unserem Interview analysiert der 71-jährige promovierte Psychologe den RBB-Skandal um Ex-Intendantin Patricia Schlesinger.

Jo Groebel ist einer der renommiertesten Medienexperten in Deutschland. Im Gespräch mit dem „Münchner Merkur“ analysiert der 71-jährige promovierte Psychologe den RBB-Skandal um Ex-Intendantin Patricia Schlesinger, bei dem Tag für Tag neue Details ans Licht kommen. Haben wir es mit der Verfehlung einer Einzelnen zu tun? Oder ist vor allem die mangelnde Kontrolle der Führungsriege nicht auch ein Problem der ARD insgesamt – Stichwort Selbstbedienungsmentalität? Was Groebel dazu sagt:

Medienwissenschaftler Jo Groebel.
Medienwissenschaftler Jo Groebel. © dpa

Sie beobachten und begleiten den öffentlich-rechtlichen Rundfunk seit Jahrzehnten. Wie sehr hat Sie persönlich der Skandal um Patricia Schlesinger überrascht?

Jo Groebel: Er hat mich schon überrascht. Man kann bei so einer Riesenorganisation wie der ARD immer davon ausgehen, dass es einzelne Abweichungen vom Gebotenen gibt. Aber diese Form und das Ausmaß haben mich dann doch überrascht. Patricia Schlesinger hat, um es mal flapsig zu formulieren, massiv über die Stränge geschlagen. Und sie zeigt, das kommt hinzu, bislang öffentlich kaum ein Unrechtsbewusstsein. Sie sieht ja sogar eine Kampagne gegen sich.

Wie kann so etwas sein?

Jo Groebel: Das ist zum einen ein Problem des moralischen Kompasses, der ihr offenkundig abhandengekommen ist. Und dann hat sie einfach die – man muss schon auch sagen – ungeschriebenen Gesetze nicht gesehen. Ihr Eigenwohl hat anscheinend die distanzierte und notwendige Überlegung, ob dieses Verhalten wirklich klug ist, verdrängt. Dann ergab eins das andere. Sie hat auch keinen Widerstand gespürt.

Was für ein Versagen der Kontrollmechanismen spricht, oder nicht? So eine Büroausstattung im sechsstelligen Bereich, ein Luxusauto als Dienstwagen, Spesenabrechnungen, Reisen usw. müssen doch auch bei einer Intendantin von irgendjemandem abgezeichnet werden. Um diese Fragen kümmert sich jetzt sogar die Justiz.

Jo Groebel: Ja, das in der Tat ist nur schwer zu fassen und zu erklären. Ich glaube, der Punkt ist folgender: Jeder Vorgang hier ist für sich erst einmal ein Einzelfall. Das teure Büro, klar, ist schwierig, aber jetzt auch nicht eine sooo große Sache. Das Auto, okay. Ein Abendessen, ja. Der Skandal kommt durch die Häufung. Dadurch wird es zum System. Und dadurch, dass es ein schleichender Prozess war, war die Kontrolle zumindest schwieriger. Alarmglocken hätten natürlich trotzdem klingeln müssen.

Dass Schlesinger kein Unrechtsbewusstsein zeigt – liegt das vielleicht daran, dass ihr Verhalten gar nicht so unüblich ist? Vielleicht prassen andere Intendanten auch, nur hat das noch keiner aufgedeckt.

Jo Groebel: Das glaube ich ehrlich gesagt nicht. Ich kenne nicht alle, aber viele Intendanten. Und ich habe es nicht erlebt, dass sie die Kohle wie besinnungslos raushauen. In der Regel agieren sie – Männer wie Frauen – schon sehr selbstbewusst, um es positiv zu formulieren, aber doch auch sehr umsichtig und mit einem guten Gespür, was ethisch und klug ist. Man ist schon darauf bedacht, Formalia einzuhalten.

Das klingt danach, als sähen Sie kein ARD-Problem, sondern „nur“ ein „System Schlesinger“.

Jo Groebel: Ja. Ich sehe tatsächlich kein strukturelles Problem. Dass sich Menschen hin und wieder nicht angemessen verhalten, ist einfach so. Das soll nicht so klingen, als sei der Fall Schlesinger eine Petitesse. Dem Ruf des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat sie natürlich extrem geschadet.

Manche sprechen vom größten Skandal der ARD-Geschichte überhaupt.

Jo Groebel: Damit wäre ich äußerst vorsichtig. Nochmal: Mir liegt es fern, den Fall zu bagatellisieren. Aber ich finde doch, dass es schwerer wiegt – und auch das hatten wir schon in der Vergangenheit der ARD –, wenn Programm-Inhalte betroffen wären. Wir erinnern uns an den Schleichwerbe-Skandal rund um den „Marienhof“ oder im Bereich Fernsehfilm um den Fall einer NDR-Redakteurin, die unter Pseudonym Drehbücher schrieb, die sie dann selbst verfilmen ließ. Da geht es an die journalistische Glaubwürdigkeit. Bei allem Respekt: Die Glaubwürdigkeit und die Seriosität einer Intendantin sind sehr hoch anzusehen. Aber die Glaubwürdigkeit des Journalismus ist noch sehr viel mehr der Kern dessen, für das eine öffentlich-rechtliche Anstalt stehen muss.

Wie beurteilen Sie die Art der Aufarbeitung? Patricia Schlesinger stellt sich mehr oder weniger tot – dafür berichtet der RBB in seinen Programmen (TV, Radio, Online) bemerkenswert offen.

Jo Groebel: Ganz großartig, ja. Dass in dieser Form und so schnell reagiert wurde, in Sondersendungen und in den Nachrichten, ist bei allem, was wir an Negativem sehen, schon auch eine Sternstunde des RBB. Diese Aufarbeitung ist im Grunde das beste Argument, warum es einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk ganz dringend braucht.

Inwiefern?

Jo Groebel: Einfach deshalb, weil er von seiner Grundstruktur her garantiert, dass er unabhängig arbeitet. Das soll nicht heißen, dass Medienhäuser, die privatwirtschaftlich arbeiten, nicht auch für unabhängigen Journalismus stehen. Aber die Garantie, dass auch unter größten wirtschaftlichen Schwierigkeiten journalistisch unabhängig gearbeitet werden kann, die liefert im Sinne der Gesellschaft und der Demokratie nur der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Kurzum: Der Rundfunk Berlin-Brandenburg hat sich im Fall der Ex-Intendantin Patricia Schlesinger von seiner hässlichsten und von seiner besten Seite gezeigt.

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