Rebellen und Patrioten

- Es waren die Wut und der Mut der Verzweifelten. Schon ihr Kurfürst Max Emanuel hatte sie ausgezehrt, aber unter österreichischer Besatzung wurden Ausbeutung, Menschenschinderei und Gewalt noch einmal schlimmer. Die Niederbayern hatten aufbegehrt, und vor Weihnachten Anno 1705 zogen auch 2769 Oberländer gen München, um sich gegen das Fremd-Regime zu wehren. Am 25. Dezember vor 300 Jahren wurden die Männer, die sich der kaiserlichen Armee ergeben hatten und entwaffnet waren, massakriert.

Über 1100 Menschen starben. Viele Veranstaltungen erinnern dieser Tage an das tragische Ereignis (wir berichteten). Das Münchner Stadtmuseum (zusammen mit Stadtarchiv, Haus der Bayerischen Geschichte, BR), das sogar einige Dreschflegel und Mistgabeln von damals in Besitz hat, versucht mit "Memento 1705 - Die Sendlinger Mordweihnacht", sowohl genau zu informieren als auch die Gedenkrituale seit drei Jahrhunderten darzustellen. Denn das rein geschichtliche Faktum wurde in eine spezielle "Inszenierung" verwandelt.

"Die erbarmungswürdigste und mehr als türkische Niedermetzelung" Roman Seestaller, Pfarrvikar von Neukirchen bei Weyarn

Sie entstand zu Beginn des 19. Jahrhunderts und wurde um den (nicht historisch nachweisbaren) Schmied von Kochel komponiert. Zunächst bedeutet aber "Memento" die unmittelbare Verarbeitung einer Katastrophe. Eine Reihe von Sterbebüchern von München bis Königsdorf, von Aibling bis Lenggries listen die Toten auf: vielschichtig, oft berührend die Kommentare der Pfarrer. "Unter des Mars schrecklichem Blitz" sind da Jünglinge hingestreckt worden; der Aumeister Franz Daiser wurde "ohne gegebene Uhrsach muettwilliger Weiß" erschossen, denn er wollte bloß zur Messe nach München reiten; und der Reichersbeurer Geistliche verweist auf die Söhne der Makkabäer: "Lasst uns gehen und uns einen Namen machen, indem wir gegen jene kämpfen."

Knechte, Bauern, Handwerksburschen und Ex-Soldaten setzten in einem dilettantisch geplanten Zug, ohne vernünftige Bewaffnung und Mitstreiter - die Münchner hielten sich bedeckt, und mit den Niederbayern hatte man sich nicht zusammengetan - ihr Leben ein. Diejenigen, die sich retten konnten, stifteten unter anderem Votivtafeln. Diese ersten bildlichen Zeugnisse des Massakers - zum Beispiel aus Egern/ Tegernsee - sind in ihrer Schlichtheit und Frömmigkeit herzinnig und echt. Da ist München in seiner Befestigung, etwas abgerückt das Dorf Sendling, und vorne auf freiem Feld schlachten die Soldaten, genauso unerschütterlich geordnet wie die Stadtmauern, das wirre Häuflein ab. Einige Opfer treiben ertrinkend im Glockenbach, sodass das eigene Überleben wirklich als Wunder erscheint - bewirkt vom "Marianischen Trost- und Gnadenbilt in Egern". Deswegen schwebt es in einer Gloriole über allem.

Die Schau zeigt augenfällig, wie im 19. Jahrhundert das Aufbegehren gegen die Obrigkeit umgedeutet wurde zur patriotischen Tat, die man in Denkmäler und Gemälde goss - Defregger wurde 1881 sogar von Ludwig II. beauftragt -, in Panoramen, lebenden Bildern, Theaterstücken, Bilderbögen und Filmen zelebrierte, die man bis heute mit Umzügen feiert. Gerade die Historien-"Schinken" von Wilhelm Lindenschmit und Franz Defregger mit dem Schmied von Kochel im "bayerischen Nationalkostüm" als Protagonist beweisen im Kontrast zu den Votivtafeln schlagend die Geschichts-Fiktion: künstlerisch nicht ohne Charme, aber nicht recht wahrhaftig.

Natürlich versorgt die Ausstellung den Besucher auch mit Daten und Fakten zum Spanischen Erbfolgekrieg: Der letzte spanische Habsburger starb. Der Erbe, ein Bayer, starb. Die nächsten Verwandten, Herrscher von Frankreich und Österreich, stürzten sich in den Krieg. Max Emanuel schlug sich auf die französische (Verlierer-)Seite. Nach der Schlacht bei Höchstädt 1704 musste er ins Exil, wurde geächtet; Besitz und Kurwürde gingen an die Pfalz. Nach dem endgültigen Friedensschluss 1714 bekam er alles wieder. 1715 zurück in Bayern, rehabilitierte er die Anführer des Aufstands. Nun waren sie Patrioten . . .

Bis 26. Februar, Tel. 089/ 23 32 55 86, Katalog: 5 Euro.

Auch am ersten Weihnachtsfeiertag ist geöffnet, ab 12 Uhr; am 26.12. gibt's um 15 Uhr zusätzlich das Spektakulum "Bluadige Zeiten" bei freiem Eintritt.

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