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Kleine Männer mit großen Ideen: Bono, der Sänger von U2, neigt auf dem neuen Album „No Line On The Horizon“ durchaus zur Selbstironie.

Das Recht, lächerlich zu wirken

Nicht besser als zuvor, dafür sympathisch: "No Line On The Horizon", das neue Album der Band U2, bewegt sich zwischen Aufbruch und Autopilot - und zeigt
einen selbstironischen Sänger Bono.

Dass ausgerechnet U2 so etwas passiert, ist schon witzig. Die irischen Rock-Superstars und ihr Management wollten eigentlich alles daransetzen, dass kein Sterbenstönchen der heiß erwarteten neuen CD "No Line On The Horizon" vor dem Erscheinungstermin an die Öffentlichkeit dringt. Doch wie’s der Teufel will, passierte genau das. Diesmal allerdings brachte kein Journalist oder böswilliger Mitarbeiter die Daten in Umlauf - U2-Sänger Bono selbst war’s.

Wenn man den Gerüchten glauben darf, spielte der 48-Jährige vor ein paar Wochen vier Songs von "No Line On The Horizon" derart laut auf seiner Stereoanlage ab, dass ein streunender Fan vor Bonos Anwesen nur noch mitschneiden musste: Schon landeten die Stücke bei illegalen Tauschbörsen. So eine Panne ist doch recht sympathisch, und außerdem passt diese Geschichte irgendwie auch zu Bonos neuer Lockerheit auf "No Line On The Horizon".

Es ist die erste U2-Scheibe seit vier Jahren, und im Vorfeld hieß es, sie klinge um einiges experimenteller als die zwischen geradem Rock und Schönklang pendelnden Vorgänger. Schon das Album-Cover allerdings spricht eine andere Sprache. Wieder einmal stiefelt die Band durch eine karge Landschaft - wieder einmal abgelichtet von Foto-Star Anton Corbijn. Wir erinnern uns: Bono. Prediger. Sinnsuche. Diese schwarzweiße Langeweile ist für eine U2-Plattenhülle mittlerweile so charakteristisch wie der Totenkopf für Motörhead.

Gottlob geht es im Inneren nicht so bierernst zu. Brian Eno und Daniel Lanois, die Altmeister des akustischen Wohnzimmerteppichs, haben wieder produziert. Entsprechend flauschig schmeicheln die Soundflächen, in die ab und zu neckische Quietscher und andere Elektro-Splitter verwoben sind. Das bedeutet aber auch: Wirklich neu klingt hier nichts.

Adam Clayton am Bass und Larry Mullen Jr. am Schlagwerk erzeugen tanzbare Rhythmen, die entfernt an das 91er-Album "Achtung Baby" erinnern. Auch ansonsten setzt man auf Altbewährtes: Bono garniert seine Refrains gerne mal mit einem stadiontauglichen "Ohohoho - Go Shout It Out". Und Gitarrist "The Edge" lässt die Obertöne flimmern, wie nur er es kann.

Da ist es schon mutig, dass U2 den einzigen Song, der etwas verstörender klingt, zur ersten Single erkoren haben: "Get On Your Boots" verströmt die unheimliche Atmosphäre von David Bowies End-70er-Platten und dürfte mit seinem treibenden Rhythmus bereits einige Radio-Hörer irritiert haben - ein interessantes Lied, kein wirklich großes.
Ganz ohne Ausfall kommt "No Line On The Horizon" also nicht aus - dafür gibt es den schönen "Moment Of Surrender" und andere bildgewaltige Bono-Songs: "White As Snow", in dem der Sänger zu einer Traditional-Melodie ein karges Agnus Dei singt, und am Ende den gesprochenen Sermon "Cedars Of Lebanon", bei dem Intimität und Geopolitik Hand in Hand gehen.

Apropos: Mit seinem Moralapostel-Image geht Bono neuerdings ziemlich lässig um. Der Mann, der im vergangenen Jahrzehnt als Mahner in der Polit-Wüste verehrt beziehungsweise verspottet wurde, zeigt im neuen Song-Zyklus erfreuliche Ansätze von Selbstironie: Man solle sich von Rock-Stars nicht alles erzählen lassen, singt er in "Stand Up Comedy": "Be Careful Of Small Men With Big Ideas." Und in "I’ll Go Crazy If I Don’t Go Crazy Tonight" meint er, das Recht, lächerlich zu wirken, sei ihm lieb und teuer.

So bleibt am Ende ein routiniertes Album zwischen Autopilot und Aufbruch, zwischen Pose und Posse. Ein Album, das zwar nicht in die Reihe der ganz großen von U2 gehört, dafür aber umso sympathischer wirkt. So etwas muss man erst mal hinbekommen.

Johannes Löhr

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