Redlichkeit und Anarchie

- Ja, nach Schillers "Räubern" gehört auch das auf die Bühne des Münchner Volkstheaters. Weinen und lachen können, mitfühlen mit der geschundenen Kreatur, sich mitfreuen bei der Hatz auf die Obrigkeit. Sentiment und Gaudi. Heimatschnulze und Sozialdrama. Blasmusik und Gesang. Das alles ist "Der Räuber Kneißl", wie er jetzt in der Regie von Christian Stückl Premiere hatte.

<P>Aus den vorliegenden Materialien zum Fall Kneißl (1875-1901) hat Stückl unter Verwendung von Texten von Martin Sperr eine eigene Bühnenfassung erstellt. Mit Hauptaugenmerk auf die wiederholten, aber aussichtslosen Versuche Mathias Kneißls zu einem anständigen Leben. Und auf den Konflikt mit Großbauer Schätzler, der hier zum gefährlichsten Gegenspieler Kneißls wird.</P><P>Für Stimmung und Milieu hat Stückl eine Schar wilder Burschen auf der Bühne versammelt. Als schlag-, schieß- und trinkfreudige Dörfler und Knechte fetzen, turnen und toben seine Schauspieler über die Szene und lassen sich, wenn's sein muss, dennoch Zeit für Momente der Ruhe, der Besinnung, des Dialogs. Oder der Musik. Dafür sorgen - wie schon bei der "Geierwally" - die Jungen Riederinger Musikanten, die auch Mitakteure sind. Authentisch und unwiderstehlich in ihrem schonungslosen Draufgängertum. Hasardeure der Szene, ob mit oder ohne Trompete, Basstuba und Horn.</P><P>Dass die Geschichte, die in ihrer anfänglichen Langatmigkeit doch die straffende Hand eines Dramatikers vermissen lässt, dennoch über zwei Stunden interessiert und unterhält, liegt zum einen an Stückls bemerkenswerter Fähigkeit zu großen theatralischen und poetischen Bildern sowie an seiner unangestrengten, anfeuernden künstlerischen Kraft, die Profis und Laien zu einer Einheit formt. Zum anderen an dem hochbegabten jungen Schauspieler Maximilian Brückner, der mit Leidenschaft und Sensibilität die Kneißl-Figur in all ihren Widersprüchen überzeugend darstellt. Ein Junge zwischen Redlichkeit und Anarchie. Gewaltbereit und manchmal zärtlich. Opfer und Täter. Als zweites schauspielerisches Schwergewicht in dieser Aufführung erweist sich Alexander Duda als so schlauer wie Macht ausübender Großbauer Schätzler. Aber hier geben _ in höchstem Maße engagiert - alle ihr Bestes. Auch Marlene Poley, die eine raffinierte Bretter-, Wände- und Brückenkonstruktion in Schwarz auf die Bühne gestellt hat, von schöner und wandelbarer Zweckmäßigkeit.</P><P>Fragwürdig in dieser Inszenierung bleiben dennoch zwei Dinge. Erstens: Stückl verlegt die Geschichte vom Ende des 19. ans Ende des 20. Jahrhunderts. Die unvorstellbare Armut und Ausbeutung, die Menschen wie Kneißl ins Verbrechen trieben, stimmt 100 Jahre später so nicht mehr. Und zweitens: Aus diesem Zeitsprung ergibt sich, dass der Bühnenmord an den Dorfgendarmen insofern für Unbehagen sorgt, weil sie nun in die Polizeiuniform von heute gesteckt wurden.</P><P>Wermutstropfen in einem von der Atmosphäre her insgesamt gelungenen Abend. Am Ende Heiterkeit und lachende Gesichter. Nur Puristen und Geschmäckler rümpfen hier die Nase.</P>

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