Reformoper auf Turbostufe

- Die Bedeutung des Stücks ist eigentlich unbestritten. Denn einleitend zu "Alceste" verfasste Christoph Willibald Gluck eine jener berühmten Schriften, mit denen er Abschied vom italienischen Operntyp nahm. Dramatische Wahrhaftigkeit verdrängte nun ewige Wiederholungen, Zierrat und verquaste Handlungsgeflechte. Dumm nur, wenn jeder diese Reformoper preist, sie aber im Repertoire kaum auftaucht.

Immerhin zu einer konzertanten Wiedergabe entschlossen sich heuer die Salzburger Festspiele. Eine Aufführung im Residenzhof, die den Beweis führte für das große theatralische Potenzial der "Alceste". Vorausgesetzt natürlich, man musiziert sie so wie Ivor Bolton, sein Mozarteum-Orchester sowie der ebenso stark geforderte, hervorragende und homogene Salzburger Bachchor.

Jubel für Ivor Bolton

Mögen andere über die Dauer-Trauer des Stücks lästern, über die in Arien und Rezitativen ausgebreitete Todesbereitschaft von Alceste und ihrem Mann Admè`te, so überraschte fast, wie vital, charmant und zugespitzt Glucks Partitur tönen kann. Bolton bediente sich großzügig aus der instrumentalen Farbpalette, ließ das Orchester meist auf Turbostufe agieren. Keine Sekunde vermisste man da die Szene, zumal mit Anna Caterina Antonacci eine außerordentliche Sängerin auf dem Podium stand, bei der ein Blickwechsel, eine Drehung mit der Hand das ersetzte, wofür andere ausführliche Gänge und Gesten benötigen.

Boltons offensive Deutung verstärkte aber ungewollt eines: Die Partien der "Alceste" liegen so unangenehm, dass etwa Berlioz für seine geliebte Pauline Viardot die Titelrolle seinerzeit nach unten transponierte. Eine Maßnahme, die man manchmal auch den Salzburger Solisten gewünscht hätte.

Die Antonacci, in München Monteverdis "Poppea", faszinierte mit kraftvollem Tragödinnengestus und starker Intensität. Durch die Extremlage driftete indes manches ins Hochdramatische, wo Gluck sicher an mehr Innerlichkeit gedacht hatte. Passte das noch irgendwie ins Rollenbild, so wurde der Admè`te von Charles Workman zum Problem. Er trat die Flucht nach vorn an, sang mit viel zu breiter, harter Tongebung, wofür er bald die Quittung bekam. Fast schien es, als ob Topi Lehtipuu in der Mini-Rolle des È`vandre die bessere Besetzung gewesen wäre.

Auch Luca Pisaroni (Herold/ Hercule) und Johan Reuter (Hohepriester/ Apollo) warfen sich effektvoll in die Brust, hielten das aber dank ihres vokalen Potenzials durch. Am Ende Jubel vor allem für Bolton: Nach Ernüchterungen durch Riccardo Mutis "Zauberflöte" und Carlo Rizzis "La traviata" wurden da die Festspiel-Maßstäbe zurechtgerückt - so überzeugend sollten Dirigate hier im Grunde immer ausfallen.

Weitere Aufführung: heute, 19 Uhr, Residenzhof.

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