Aus dem Regie-Supermarkt

Salzburg - "Uhuu-i" macht der Chor und lässt das "i" hysterisch nach oben schlenkern. Wie auf Carlos Kleibers ungetoppter Aufnahme, gegen die seit 30 Jahren vergebens andirigiert und -gespielt wird. Gruselig soll das klingen, im Salzburger "Haus für Mozart" ist es lüstern gemeint.

Denn Ignaz Kirchner als Höllenpfuideifi Samiel trägt Bischofsornat und umgibt sich mit weiblichen Nackedeis. Doch die Damen öffnen bei der schwarzen Messe vergeblich die Münder: Grinsend schiebt sich Merkwürden die Hostie selbst in den Mund.

Tonnenschwer tragen die Regisseure an Carl Maria von Webers Wolfsschlucht. Joachim Herz schreckte immerhin mit dem Schlachtfeld des Dreißigjährigen Kriegs, Peter Konwitschny mit Maschinenzauber inklusive Fliegeralarm, andere flüchteten sich in die Ironie und kapitulierten damit: Vorm schwarzen Mann fürchtet sich heut' ja ohnehin keiner mehr.

In Falk Richters Festspiel-"Freischütz" trägt der außerdem meist Weiß. Ein charmanter Fiesling, der sich unversehens in die Handlung mischt, anderen Figuren ihren Text klaut, den Jägerchor mit einem munteren "German Classics proudly present" ansagt und stets von zwei Gehilfen begleitet wird, deren Vorabendserien-Slang wahnsinnig cool, meist jedoch nervtötend ist.

Doch wäre nicht Ignaz Kirchner als punktgenau besetzter Samiel, Richters Regie hinge schwer durch. So ganz kann sich der Schauspielmann, in München durch Jörg Widmanns Oper "Das Gesicht im Spiegel" bekannt, nämlich nicht entscheiden.

Wie bei vielen Kollegen taugt der deutsche Wald nicht mehr als Angstspender. Nur noch ein dürres Bäumchen steht in Alex Harbs Betongewölbe, das an unterirdische Trinkwasserspeicher einnert. Anfangs lässt Richter hier schrilles Volk in Freizeitkluft auftanzen, kontrastiert dazu eine Miliztruppe, der auch Kaspar und Max angehören.

Eine fette Portion Anti-Moral offeriert Samiel im neu geschriebenen Monolog ("Ein Mann, der was erreichen will, muss über Leichen gehen."). Die Freikugeln werden angemischt mit Uranium und dem "Kriegsschmuck ausgerotteter Volksstämme". Videos zitieren Filme wie "Blair Witch Project". Nach der Messe formiert man sich zum "Johotrallala" in schmucken weißen Uniformen. Und ist der sektenhafte Eremit mit der Predigt fertig (imponierend: Günther Groissböck), schließen sich die Bühnenwände, zeigen ein Kreuz, während Richter abdankt - das Finale gibt's konzertant.

Jugendfrischer Ausnahmetenor: Peter Seiffert

Nicht jeder Opernabend muss ja im Konzept-Korsett schwitzen. Und wo andere "Freischütze" unter grauenhaften Dialogen leiden, bietet Falk Richter sogar akzeptable, maßvoll modernisierte Sprechstrecken. Beliebig wird es freilich, wenn man sich wie hier lediglich halbherzig zu Provokation oder Kritischem durchringt, meist aber Regie-Supermarkt spielt. Aus jedem Regal nimmt Richter ein bisschen, bebildert sich unterm Strich nur modisch am Stück entlang.

Älteste Opernkonvention tarnt sich da mühsam im flotten Mäntelchen. Aber Stars vom Schlage Peter Seifferts lassen sich schließlich auch schwer einbauen: Als ob ihn die Regieassistentin ohne Vorwarnung hinausgeschubst hat, so prangt er auf der Bühne. Meist in der Nähe des Souffleurkastens, dafür mit dem schönsten "Durch die Wälder, durch die Auen", das man derzeit live erleben kann: Seifferts Stimme hat ihren jugendfrischen Charme bewahrt, kann sich zu innigster Lyrik reduzieren, um bei Max' Verzweiflungsgesten strahlkräftig aufzublühen - was für ein Ausnahmetenor.

Weniger unschlüssig schlägt sich Gattin Petra Maria Schnitzer als resolut-reife statt mädchenhafte Agathe. Piani werden wunderfein gezaubert und erinnern an Vorgängerinnen wie Gundula Janowitz, heftigere Hochtöne geraten, je später der Abend, ungesund geweitet und zu tief. An diesem hohen Paar wollte sich Richter offenbar nicht vergreifen - Soli und gemeinsame Szenen würden sich nahtlos in jeden Regie-Oldie fügen.

Gleichwohl hat Salzburg bei der Besetzung nicht geknausert. John Relyeas drahtiger Kaspar ist von nachtschwarzer Wucht, Aleksandra Kurzaks Ännchen keine Trällermaus, sie bietet dafür reizvolle vokale Paprika. Und Dirigent Markus Stenz hätte von den Wiener Philharmonikern offenbar gern einen kantigen, trennscharfen Weber, was Salzburgs Platzhirsche (nach kurzem Ouvertüren-Schleudern) allmählich auch gestatten. Doch dann gelingt einiges - eiskaltes Streicherflimmern, sehnige Dramatik und ein übertouriges Wolfsschlucht-Furioso, das sogar Kleiber locker überholt.

Bei Webers Kernszene packt auch Pyromane Richter groß aus. Während der schwarzen Messe fauchen meterhohe Feuerfontänen zur Decke. Doch was sich der Regisseur als höchste Gefährlichkeitsstufe denkt, wird zur hochästhetischen Angelegenheit. Weit strahlt die Flammenhitze ins Parkett. Und bringt dort die Stimmung kaum zum Köcheln. Wenig gegruselt, kaum gegrinst, leidlich unterhalten - für den "Freischütz" fatal.

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