Ein Regisseur für das eigene Leben

- Sie wurde geliebt - vom Publikum, von den Kritikern, von den Schauspielern, den Regisseuren, den Schriftstellern, den Jungen und den Alten. Mit dem Tod der 93-jährigen Marianne Hoppe (wir berichteten) ist eine der letzten Koryphäen, eine der wenigen Magierinnen des Theaters verstummt. Und doch wird in jedem, der sie einmal gesehen oder auch nur gehört hat, ihre wundervolle, modulationsreiche, tief grundierte Stimme in der Erinnerung nachklingen.

<P>Ob sie noch im hohen Alter Fontanes Effi Briest las, Goethes "Hermann und Dorothea" oder Thomas Bernhards Kurzerzählungen, ob sie Rilke sprach, Bertolt Brecht oder Nietzsche _ der schwerste Text, der komplizierteste Vers, der absurdeste Satzbau hörten sich bei ihr leicht an wie ein Kinderspiel. Und immer ging von ihr aus ein Strom des Gefühls und existenzieller Erkenntnis.<BR>Sie war als Künstlerin von jener Aura umgebene, die nur den ganz Begnadeten eigen ist und die sich auszeichnen im Privaten durch Natürlichkeit, Bescheidenheit, "Normalität", durch wahren Charakter.</P><P>Nicht selten konnte man Marianne Hoppe hier in München, wo sie selbst kaum auf der Bühne gestanden hat _ in bester Erinnerung mag vielen das "Heldenplatz"-Gastspiel sein _ als Zuschauerin in einem der Theater entdecken. Oder als Passantin, wenn sie von ihrer Wohnung in der Wurzerstraße aus einen Einkaufsbummel unternahm. Das Zuhause der preußischen Gutstochter aber war trotz Berlin-Abstecher das Chiemgau. Nachdem sie 1946 in Dinkelsbühl einen Jungen gebar, Benedikt, Sohn des britischen Kriegskorrespondenten Ralph Izzard, verschlug es die Hoppe nach Oberbayern. Dort fand sie zunächst durch Vermittlung der Kollegin Elisabeth Flickenschild in Staudach Unterschlupf, später wohnte sie in Scharam, wo sie 1950 ihr eigenes Haus bezog.</P><P>Die hervorragende Film- und Theaterschauspielerin Marianne Hoppe, durch ihre 1946 geschiedene Ehe mit Gustaf Gründgens zu spektakulärem Ruhm gelangt, hat diesen genialen Diener zweier Herren nicht nur um Jahrzehnte überlebt, sie hat ihn auch in ihrer künstlerischen Biografie überrundet. Wohl stand sie bald nach dem Krieg wieder auf der Bühne, spielte in den 50er-Jahren die Klassiker- und tollen Sartre- oder Strindbergfrauen in Wiesbaden, Hamburg oder Berlin. Aber die Zeit, die sie zur Königin des Theaters, zur prägenden Legende einer ganzen Epoche machte, begann erst im letzten Drittel ihres Lebens. Es war die Zusammenarbeit mit Claus Peymann und Thomas Bernhard am Wiener Burgtheater sowie mit Robert Wilson und Heiner Müller am Berliner Ensemble.</P><P>In ihrem Buch über die Schauspielerin schreibt Petra Kohse: "Marianne Hoppe ist die Frau, die altern konnte. Die in jeder Phase ihres Lebens zu sich stand, weil sie sich letztlich auch nicht allzu wichtig nimmt. ,Es nimmt sich eben jeder zu wichtig, sagt sie manchmal. Und: ,Du glaubst zu schieben, und du wirst geschoben. " Über ihr Verbleiben in Berlin und ihre prominente Stellung während der Nazizeit äußerte sie einmal: "Es war für mich persönlich ein entscheidender Fehler gewesen, nicht aus Deutschland wegzugehen. Ich hätte auch woanders meine Arbeit gehabt. Nur sagt man das hinterher immer so leicht. Ich hatte ja meine Eltern hier, er (Gustaf Gründgens) seine Mutter, die er sehr geliebt hat. Und für ihn war es letzten Endes doch selbstverständlich, dass er in Deutschland blieb. Er wollte Kunst um jeden Preis machen. . . Und die Leute standen doch Schlange an den Theaterkassen, das waren doch alles keine Nazis. Sie brauchten uns gerade in diesen Zeiten."<BR></P>

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