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Mit konzentriertem Blick: Dimiter Gotscheff probt derzeit am Residenztheater Heiner Müllers „Zement“.

Inszenierung von Müllers "Zement"

Regisseur Gotscheff will die Welt neu gestalten

München - Am Freitag feiert er seinen 70. Geburtstag – mit Proben zu Heiner Müllers „Zement“: Regisseur Dimiter Gotscheff über Utopien, die ewig währen.

Während Intendant Martin Kušej am Donnerstag seinen Spielplan 2013/14 vorstellte (siehe Artikel oben), probte nebenan Dimiter Gotscheff für die nächste große Residenztheater-Premiere. Der bulgarische Regisseur, der am Freitag 70. Geburtstag feiert, war einst Schüler von Benno Besson und Fritz Marquardt und gilt als Kenner der Werke Heiner Müllers (1929-1995). In München inszeniert er dessen Stück „Zement“.

Wird Heiner Müller heute in Deutschland zu selten gespielt?

Ja, natürlich. Viel zu selten.

Woran liegt das?

Da müssen Sie die anderen Regisseure fragen. Ich lebe seit mehr als 40 Jahren mit Müller-Texten. Und daher geht es auch nicht in meinen Kopf, dass andere Theatermacher diesen Autor verdrängen. Das betrifft aber nicht nur Müller. Das betrifft viele Autoren, die im sogenannten Sozialismus gelebt und gearbeitet haben. So ist fast eine ganze literarische Epoche in Vergessenheit geraten. Aber es ist nicht mein Problem, wenn andere diese Texte verdrängen. Ich kann sie nicht verdrängen. Ich lebe mit all diesen Autoren, deren Utopien und Texten.

Sie haben 1983 in Sofia die bulgarische Erstaufführung von Müllers „Philoktet“ inszeniert und beschäftigen sich seit damals intensiv mit dessen Werk. Sie wurden zum Weggefährten und Freund des Autors. Worin liegen die Stärken von Heiner Müllers Stücken?

Diese Frage können Sie auch zu Aischylos oder Sophokles stellen.

Stimmt. Aber die werden heute in Deutschland vermutlich häufiger gespielt als Müller.

Richtig. Eine der größten Leistungen von Müller ist, dass er die Brücke zwischen der Antike und dem Heute gebaut hat – egal, ob dieses „Heute“ der Sozialismus war, in dem er gelebt hat, oder es die aktuelle Lage ist, in der das Kapital gesiegt hat. Für mich sind diese Texte – ob sie nun von Sophokles stammen oder von Müller – eine Fundgrube, ein Geröll. Da kann man einfach nur zugreifen und mitgestalten.

In seiner Autobiografie nennt Müller „Zement“ ein „zu spät geschriebenes Stück“. Was hat er damit gemeint?

Vielleicht weil 1972, als er „Zement“ schrieb, das Pathos der Revolution bereits zum Abgesang geworden war. Die Energie, mit der die Hauptfigur Tschumalow seiner Utopie nachjagt, war in den Siebzigerjahren schon antiquiert. Dennoch finde ich nicht, dass das Stück zu spät geschrieben wurde: Der Utopie nachzujagen, eine bessere Welt aufzubauen, kann man auch noch in 100 Jahren.

Verkürzt dargestellt wird in „Zement“ erzählt, wie die Startschwierigkeiten beim Aufbau des Sozialismus mit Geduld und durch Kampf überwunden werden können.

Mit Geduld, Blut und Knochen...

Ich stelle mir vor, dass das nach dem Scheitern der kommunistischen Utopie schwer zu inszenieren ist.

Das ist aber nicht meine Schwierigkeit. (Lacht.) Müller erzählte mal, dass er in München eine Reklame-Laufschrift gelesen habe: „Aus Ideen werden Märkte.“ Es ist keine große Tragödie, dass der Sozialismus untergegangen ist – viel schlimmer ist, dass das Alte gesiegt hat. Ich bin aufgewachsen mit dieser urchristlichen oder auch urkommunistischen Idee, die Welt neu zu gestalten. Viele sind an dieser Idee kaputtgegangen. Ich versuche, mich ihr schöpferisch zu nähern.

In „Zement“ gibt es zwei sehr schöne Prosatexte über Prometheus und Herakles. Wie lassen sich die inszenieren?

Das ist eine gute Frage. (Pause.) Die große Herausforderung ist, diese Texte in eine Form zu bringen. Man muss diesen Texten mit ganzer Körperlichkeit begegnen – die verlangen nach den letzten Säften der Schauspieler. Dabei geht es nicht um Lautstärke, sondern um Intensität. Wir sind da in den Proben gerade gut unterwegs, weil wir uns an Gesängen orientieren, um die Texte zum Klingen zu bringen.

Vereinfacht gesagt, geht es im ersten Text darum, dass sich Prometheus längst selbst hätte befreien können, wenn er nicht schier unendlich große Angst vor der Freiheit gehabt hätte. Ist das eine Metapher, die auch heute noch unsere Gesellschaft treffend beschreibt?

Absolut.

Wer ist für Sie Herakles, der Prometheus letztlich in die Freiheit trägt?

Solche Verrückten gibt es – ob das jetzt Don Quijote ist oder Herakles. (Lacht.) Es stimmt aber, dass man diese Gestalten heutzutage in Westeuropa seltener trifft. Aber ich kann zum Beispiel nicht vergessen, dass sich Jan Palach 1969 in der Tschechoslowakei aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings selbst verbrannt hat. Solche individuellen Energien, die gesellschaftlich wirken, gibt es auch heute noch. Die Arbeit von Sisyphos, Herakles und Prometheus ist nicht zu Ende – und Müller ermöglicht uns eine sinnliche Begegnung mit diesen Figuren und ihren gesellschaftlichen Modellen.

Am Ende des Textes lässt sich Prometheus von Herakles zu den Menschen bringen...

...in der Pose eines Siegers. Und die Bevölkerung jubelt nicht Herakles zu, der die Arbeit gemacht hat, sondern dem Sieger in seiner Pose. Das kennt man heute auch noch.

Davor haben die Götter Selbstmord begangen. Ist das ein positives Signal?

Ich glaube nicht, dass die Banker, als ein Beispiel für neue Götter, sich aus ihren Büroetagen stürzen werden. (Sehr ernst.) Ich bin kein Experte. Aber wenn man sieht, wie nah die Banker unsere Welt in den vergangenen Jahren an den Rand des Absturzes gebracht haben – da sind die Energien eines Herakles von uns gefordert, um das zu ändern.

Dazu passt eine Frage, die Dascha im Stück stellt: „Wie lange wird es dauern, bis der Mensch ein Mensch ist?“

Wow. (Pause.) Eine Frage, die ich immer noch nicht beantworten kann. Aber vielleicht reicht es schon, sie öffentlich zu stellen.

An einer anderen Stelle heißt es: „Da wir den Kapitalismus nicht beseitigen können, werden wir den Kapitalismus ausbeuten.“

...mit unserem Hunger. Der Hunger ist eine ungeheuer produktive Kraft. Nur die Hungernden werden die Welt verändern. Das ist ein ungeheueres Energie-Potenzial.

Was bedeutet Ihnen Ihr 70. Geburtstag, den Sie heute feiern?

Nichts, überhaupt nichts. Wir werden arbeiten – und meine Feier wird sein, wenn uns eine gute Probe gelingt.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

Weitere Informationen:

Dimiter Gotscheffs Inszenierung „Zement“ hat am 5. Mai im Münchner Residenztheater Premiere. Zur weiteren Beschäftigung mit dem Regisseur sei das von Peter Staatsmann und Bettina Schültke herausgegebene Buch „Das Schweigen des Theaters“ (Verlag Vorwerk 8, 256 S.; 19 Euro) empfohlen.

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