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Große Werkausgabe geplant

Reich-Ranicki: Sammelband zum Todestag

Frankfurt/Main - Vor einem Jahr starb Marcel Reich-Ranicki. Jetzt kommt ein Sammelband mit Kritiken des Literaturpapsts auf den Markt.

Für Thomas Anz war es „überraschend und zugleich eine Ehre“: Der am 18. September vergangenen Jahres im Alter von 93 Jahren gestorbene Marcel Reich-Ranicki hat den Germanistikprofessor zum literarischen Nachlassverwalter bestimmt.

Anz, der an der Universität Marburg seit Jahren eine Forschungsstelle zu „MRR“ betreut, bringt zum ersten Todestag jetzt einen Sammelband mit Kritiken des „Literaturpapstes“ heraus. Das Buch, das sich an eine größere Öffentlichkeit richtet, enthält Essays Reich-Ranickis von der Literatur des Mittelalters bis zur Gegenwart. Anz wird es mit Reich-Ranickis Sohn Andrew, Mathematikprofessor in Schottland und Erbe von „MRR“, am 10. September in Berlin vorstellen.

Große Werkausgabe als Ziel

Ziel bleibe aber eine große Werkausgabe wie bei anderen großen deutschen Kritikern wie Alfred Kerr oder Alfred Polgar. „Ich sehe Reich-Ranicki in dieser Reihe“, urteilt Anz. Bis zur umfassenden Ausgabe werde es aber noch Jahre dauern. Anz will auch die frühen polnischen Schriften Reich-Ranickis ins Deutsche übersetzen lassen. Darunter eine deutsche Literaturgeschichte, die hierzulande kaum bekannt sei.

Reich-Ranicki wurde in Polen als Sohn einer jüdischen Familie geboren und wuchs in Berlin auf. Zusammen mit seiner Frau überlebte er das Warschauer Ghetto. 1958 kehrte er aus Polen nach Deutschland zurück. Einem Millionenpublikum wurde Reich-Ranicki, der auch ein großer Unterhaltungskünstler war, mit der ZDF-Sendung „Das literarische Quartett“ bekannt.

Im neuen Sammelband huldigt „MRR“ den Gedichten des Minnesängers Walther von der Vogelweide genauso wie der Lyrikerin Mascha Kaléko, die polnische Jüdin war. Er macht seine große Verehrung für Goethe und Heine deutlich - und seine Vorbehalte gegenüber dem Literaturnobelpreisträger Günter Grass.

Der Literaturkritiker zeigt sich dabei zur Selbstkritik fähig - allerdings in Maßen. Dem 1960 veröffentlichten Verriss der berühmten „Blechtrommel“ des damals noch jungen Grass lässt „MRR“ drei Jahre später zwar eine Abbitte folgen. Am kritischen Urteil zum „geschwätzigen“ Autor hält Reich-Ranicki aber fest.

Dessen private Frankfurter Bibliothek hat sein Sohn der Forschungsstelle in Marburg vermacht. Reich-Ranickis Exemplar der „Blechtrommel“ sei noch nicht gesichtet worden, berichtet Nachlassverwalter Anz. Viele Kisten seien aber noch nicht ausgepackt. Ein Teil der Bücher soll an der Uni für jedermann zugänglich sein. Andere - Exemplare mit Widmungen - sollen ins Deutsche Literaturarchiv nach Marbach wandern.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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