Mir reichen zwei Stunden Angst

München - Er war nominiert, und schon gingen Zuschriften über Zuschriften für ihn ein. Michael von Au, der große Blonde aus dem Dorn-Ensemble, freut sich wahnsinnig über den Merkur-Theaterpreis – den er in diesem Jahr gemeinsam mit Opernsänger Michael Volle und der Kabarettistin Monika Gruber erhält.

Doch erst einmal beherrscht ihn noch eine andere Aufregung. Denn am kommenden Dienstag, 28. Oktober, hat Michael von Au (44) Premiere. Dieter Dorn inszeniert fürs Münchner Cuvilliés-Theater eine der verrücktesten, genialsten Komödien der Weltliteratur: „Das Ende vom Anfang“ des irischen Dramatikers Sean O’Casey (1880-1964). Zwei Freunde – Barry Derrill (von Au) und Derry Barrill (Oliver Nägele) –, die einen Haushaltstag einlegen und im Chaos enden.

Manchmal wünsche er sich, dass „wir nur endlich damit herauskämen. Da müssen Leute rein, wir brauchen die Reaktionen.“ Natürlich geht es darum zu erfahren: Wann werden die Zuschauer lachen, wie funktioniert das Wechselspiel zwischen Bühne und Parkett? Michael von Au: „Es ist eine Tragikomödie, gepaart mit dem absolut real existierenden Wahnsinn. Und das Publikum soll sich sagen: Ja, genauso könnt’s bei mir zu Hause auch sein.“

Dass der irische Humor O’Caseys überall funktioniert, hat vor Jahrzehnten eine legendäre Aufführung dieses Stücks, die in allen großen Städten, übrigens auch in München im Cuvilliés-Theater, zu sehen war, bewiesen. „Das Irische“, sagt von Au, „kann überall sein, in Nordfriesland ebenso wie auf einer einsamen bayerischen Alm.“ Vorausgesetzt: Die Mechanik des Witzes funktioniert reibungslos. In der Beziehung setzt von Au auf einen Charakterzug, der ihn vielleicht nicht immer und überall zum bequemen Zeitgenossen macht: „Ich bin sehr pedantisch. Aber gerade das ist bei einer solchen Komödie besonders wichtig. Es muss ja absolutes Vertrauen herrschen – und zwar in die gesamte Maschinerie des Theaters. Wenn auch nur eine Sache hängt, die Drehbühne sich nicht dreht, ein Requisit fehlt, brauchen wir gar nicht erst anzufangen. Mir wird himmelangst, wenn ich daran denke.“

Nach seinem unglaublich komischen Intellektuellen Michel Houillé in „Der Gott des Gemetzels“ nun also der hinreißend schlicht-naive Barry Derrill in „Das Ende vom Anfang“. Michael von Au, der in München unter anderem Tempelherr, Homburg und Clavigo war – ein Komiker? „Ich mag das jedenfalls sehr gerne. Ich denke, ich habe ein komisches Gespür. Eine Voraussetzung für jede Komik: Man muss irre ernst dabei sein. Bis an die Grenzen gehen, dann wird Lachen entstehen. Das ist ein Satz, den mir Dorn seit 20 Jahren predigt.“

So lange schon spielt der Berliner Michael von Au in München Theater, erst an den Kammerspielen, seit 2001 am Bayerischen Staatsschauspiel. Er ist – die Merkur-Preis-Wahl hat’s bewiesen – populär und sehr beliebt. Doch darauf will, kann er sich nicht ausruhen. Was ihm fehlt, ist jegliche Selbstgewissheit. Glücklicherweise; denn die führt in der Regel in langweiligste Berufseitelkeit. Michael von Au aber ist weit entfernt davon. An ihm nagt der Zweifel. Negative Kritiken kann er nicht einfach wegstecken. „Die Nettigkeiten, ja, da freut man sich, aber die sind sofort vergessen.Was bleibt, ist immer nur das Negative. Die Verrisse lagern für immer in der Schublade, die wird nie ausgeleert.“

Trotzdem wagt er sich stets aufs Neue in das Abenteuer Theater. Am Staatsschauspiel bis 2011. „Nach Dorn ist München für mich vorbei. Wenn er geht, gehe ich auch. Definitiv: Martin Ku(s)ej (der zukünftige Intendant, Anm.d.Red.) übernimmt mich nicht. Wir haben noch nie ein Wort miteinander gesprochen.“ Gibt’s aber innerhalb dieser Frist bis 2011 noch eine Wunschrolle? „Der Liliom. Aber vielleicht sollte man nie die Sachen spielen, die einem absoluter Herzenswunsch sind.“

Ob es nach der Dienstag-Premiere, dem „Ende vom Anfang“, noch eine weitere Arbeit, etwa ein großer Shakespeare, mit Dorn geben wird? Michael von Au: „Ich will kein Stück mehr über zwei Stunden spielen. Mir reichen zwei Stunden Angst. Ich brauch’ nicht fünf Stunden Angst.“

Von Sabine Dultz

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