Reif für den Rückfall

- "Darf ich Ihnen im Namen des ORF eine Rose überreichen?" Die ist zwar rot, echt, nicht silbern, doch gnä Frau soll ja nicht Lust auf den schmucken TV-Gesandten bekommen, sondern Laune auf die Premiere.

<P>Denn endlich, nach Regie-Streichen unterm bösen Buben Mortier, nach dezenten Experimenten der Ära Ruzicka, ist Salzburg reif für den Rückfall. Und zwar mitten ins Karajaneske. Also Hofstallgasse überfüllt, Promi-Schaulaufen von Gottschalk bis Uschi und Moosi ohne Daisy nebst wuselnden Live-Kameras, die abgeschnürte Gurgeln, Betonlocken und rissige Make- ups ins Visier nehmen: der neue "Rosenkavalier", ein Mega-Event. </P><P>Und Robert Carsen, in München Regisseur von "Lucia di Lammermoor", ist hierfür der Richtige. Bekannt ist fürs solide, intelligente Handwerk, für plastische, nie drastische Charakterzeichnungen mit kurzen Abstechern ins Moderne, ein Rezept, das bei der großen Richard-Strauss-Bonbonniere keine neue Geschmacksrichtung eröffnet, aber einigermaßen sättigt.</P><P>Die Cinemascope-Bühne im Großen Festspielhaus kriegen Carsen und Ausstatter Peter Pabst locker in den Griff, füllen sie mit einer bis dato kaum erreichten Menschenmenge. Die Tafel im zweiten Akt ragt geschätzte 25 Meter ins Bild, eingedeckt von einer halben Hundertschaft livrierter Burschen, bevor Octavians Garde in Bataillonsstärke aufmarschiert und der Kavalier höchstselbst auf dem Schimmel hereintrabt - darfs a bisserl mehr sein? Carsens Hang zum Unmäßigen und zu Kitsch-Orgien kippt da fast in die Satire, Satire, doch unter der Oberfläche solcher Gigantomanie gibts manch Bedenkenswertes. </P><P>Der Regisseur verlegt den "Rosenkavalier" in die Zeit des Ersten Weltkriegs. Baron Ochs plus Kameraden also in Feldgrau, Octavian in Gala-Uniform, selbst Faninal mit dem Lametta des Veteranen geschmückt, dazu ein gewaltiges Schlachtengemälde - die Front ist stets präsent. Und inmitten dieses Macho-Universums das verlorene Engerl Sophie und eine Marschallin, die mit laszivem Augenaufschlag mehr ausrichtet als Degen und Gewehr anrichten können, die auch nach der Liaison mit Octavian schon Kurs auf den schneidigen Polizeikommissar nimmt.</P><P> Aufschlussreich ist die Bühnenaufteilung. Das Schlafgemach der Marschallin ist in der Mitte positioniert, doch das Duo Carsen/ Pabst zeigt auch die angrenzenden Räume, in denen Gäste warten, Diener putzen, in denen also mit Witz und Detailfreude Nebengeschichten erzählt werden, ohne vom Hauptgeschehen abzulenken.</P><P>Ebenso im letzten Akt, wo Carsen die pflichtgemäße Provokation nachreicht. Der spielt nämlich nicht im Beiserl, sondern im Bordell inklusive Intimwäsche, Transen und eines splitternackten Kunden, der, herzlich bekichert, nicht die Unterhose, sondern eigentlich nur seine Armbanduhr sucht. </P><P>Dem manchmal aufdringlichen Spiel entspricht das Geschehen im Orchestergraben. Den Wiener Philharmonikern, seit Menschengedenken Garanten für authentische Strauss-Zuckerl, ist ja meist wurscht, wer unter ihnen den "Rosenkavalier" dirigiert. Aber zu etwas mehr Nonchalance und Finesse hätte Semyon Bychkov die Herren schon anhalten können. Stattdessen dröhnte man die Bühne zu und drängte Sänger gnadenlos ins akustische Abseits.</P><P>Bychkov zerrte Details oft ins grelle Licht, lieferte dann nur ein simultanes Nebeneinander von Einzelereignissen. Trotzdem: Zu solch greinenden Glissandi, solch dekadentem Überfluss und herrlich verschliffenen Walzern ist eben nur ein Orchester weltweit in der Lage. </P><P>Das Lärmen von Salzburgs Platzhirschen überdeckte, welch erfreulich junge, unverbrauchte Sänger zur Verfügung standen. Franz Hawlata (Ochs) war - auch vokal - kein Trampel, sondern ein Sympathieträger mit Haltung. Einer, der dank seiner markanten, flexiblen Bass-Stimme den großen Umfang der Partie locker durchschritt. Sein Baron fummelte zwar gern, geriet aber auch beim Wein ins Schluchzen, deutete Potenzprobleme an und legte sich schon mal bei einem Doppelgänger Freuds flach. </P><P>Auch bei der Marschallin offerierte Salzburg nicht die übliche verrentete Heroine, sondern mit Adrienne Pieczonka die Wunschbesetzung: ein Sopran von wohlgerundeter, nie spitzer Fülle, lyrisch grundiert, mit kammermusikalischer Grandezza und dem rechten Augenzwinkern geführt. Miah Persson, keine plappernde, eher eine durchtriebene Sophie, glänzte mit feinen Höhenlinien und schöner, instrumentaler Tongebung. Eine Luxusbesetzung: Franz Grundheber (Faninal), aus dem Rest-Ensemble ragte Piotr Beczala (Ein Sänger) als Wiedergänger Rudolph Valentinos heraus. </P><P>Bleibt Angelika Kirchschlagers Octavian. Als derbe Hure machte sie im Schlussakt fast bessere Figur als in der Rolle des schneidigen Offiziers. Sie war eine nie künstelnde Darstellerin, ihrem hellen, geschmackvoll eingesetzten Mezzo fehlte indes die notwendige androgyne Erotik. Überdies hatte die Stimme nicht das Format fürs Riesenhaus - wie überhaupt Carsens kleine Gesten und kurze Blicke für einen intimeren Rahmen besser geeignet schienen. </P><P>Am Ende schloss sich der Kreis: Octavian und Sophie im großen Bett wie anfangs der Kavalier mit seiner Marschallin. Nur dass sich jetzt die Kulisse hebt, die Sicht freigibt auf Soldaten, angeführt von Seiner Majestät: Helm ab zum Gelüst? Das Publikum, unbelästigt von Ambition, jubelte matt. Da stachen die ORF-Rosen glatt mehr als Carsens Regie. </P><P> </P><P>Die Besetzung </P><P>Dirigent: Semyon Bychkov. Regie: Robert Carsen. Ausstattung: Peter Pabst. Darsteller: Adrianne Pieczonka (Feldmarschallin), Franz Hawlata (Baron Ochs), Angelika Kirchschlager (Octavian), Franz Grundheber (Faninal), Miah Persson (Sophie), Piotr Beczala (Ein Sänger) u.a. </P><P>Die Handlung</P><P>Sophie soll mit Baron Ochs verheiratet werden. Als Brautwerber erscheint stellvertretend Octavian, der eine Liaison mit der Feldmarschallin pflegt. Doch während Octavian die traditionelle silberne Rose an Sophie überreicht, funkt es zwischen beiden. Um dem Baron einen Streich zu spielen, lockt ihn Octavian, als "Mariandl" verkleidet, in ein Etablissement. Erwartungsgemäß wird der Baron zudringlich und von Sophies Papa dabei entdeckt. Letztlich bekommt Octavian seine Sophie - und löst die Verbindung zur Marschallin. </P>

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