Ein Reigen des Ungewohnten

- Ein Abend ohne Kompromisse. Sir Simon Rattle blieb sich treu und präsentierte mit den Berliner Philharmonikern bei den Salzburger Festspielen ein Programm, das sowohl die Künstler wie auch die Zuhörer aufs Äußerste forderte.

<P>Von Bartók bis Ligeti</P><P>Dennoch, alles verdienstvolle und hoffentlich auch zukünftig fortdauernde Engagement Rattles um die Musik von der klassischen Moderne bis zur Gegenwart unbenommen: Bei diesem Konzert stellte sich die Frage, ob man des Guten nicht doch zu viel tat, drei so hochkomplexe Stücke miteinander aufs Podium zu hieven wie Béla  Bartóks "Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta", György Ligetis Konzert für Violine und Orchester von 1992 und Igor Strawinskys "Sacre du printemps". Jedes schon für sich geeignet, die verfügbaren Aufmerksamkeitsvorräte alleine zu verbrauchen. <BR><BR>Strawinskys "Bilder aus dem heidnischen Russland" wurden da fast so etwas wie das abschließende Chill-Out: Rattle und seine exzellenten Musiker verzichteten mit ihrer schlank-federnden Deutung des einstigen Schockers auf verbissenes Rebellen-Pathos. Strawinskys Partitur geriet durch solche Clarté leuchtend-impressionistisch in die Nähe Debussys und Ravels - die grimmig-archaische Attitüde des Stücks erwies sich dem besonnenem Blick als durchaus effekthascherisch fassadenhaft. Der "Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta" von Béla Bartók ist derartiges Kalkül fremd. Zart, nach innen gewandt musiziert blieb sie unter den Stücken des Abends das rätselhafteste, "modernste", erst im Finale mit seinen Folklore-Fragmenten schien sich den Geisterwelten der anderen Sätze irdische Vitalität entgegenzustellen.<BR><BR>Sinnlicher Höhepunkt im Reigen des Ungewohnten: Ligetis schönes Violinkonzert. Er hat hier, immer auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, Versatzstücke klassischen Konzertierens wie Kantilene und Kadenz mit so Unverbrauchtem wie den frisch-schauerlichen Klängen etwa eines Okarina-Quartetts zu einem faszinierend funkelnden Ganzen zusammengeführt. Tasmin Little spielte den Solo-Part mit virtuoser Souveränität, erfüllte die gleißenden Klagetöne der Passacaglia ebenso mit Wahrhaftigkeit wie die flirrende Motorik der raschen Sätze. </P>

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