Reigen zart leuchtender Bilder

- Eigentlich hätte Philip Taylor für sein balletttheater München gerne gelegentlich einen illustren Gastchoreographen gehabt. Aber das Staatstheater am Gärtnerplatz muss sich eh schon mächtig nach der Decke strecken. Also macht(e) der 45-jährige Brite, da ohnehin ein pädagogisch-förderfreudiger Tanzchef, aus der Not eine Tugend und lässt Talente aus den eigenen Reihen choreographieren. Mit nicht geringem Erfolg.

Nach dem Spanier Caetano Soto und dem Holländer David Middendorp haben sich nun - nach fünf Jahren im Ensemble - auch Annett Göhre und der Franzose Damien Liger abgenabelt, um als Tanzschöpfer zu arbeiten. Zum neuen, zweiten, diesmal fünfteiligen Programm der Reihe "Imagine!" haben die beiden je eine Uraufführung beigesteuert. Wie immer bei Taylors Premieren am Ende Jubelgeschrei.

Göhre hatte in ihrem ersten Stück für das balletttheater mit einem gewissen Tanztheater-Witz gepunktet. Das zweite, jetzt uraufgeführte bleibt allzu bruchstückhaft und deshalb allzu verrätselt. Die bei ihr mitwirkenden Tänzer werden mit projizierten Kinderfotografien biografisch zitiert. Das ist ganz niedlich, macht aber kaum klar, dass es in diesem Stück um ein "Liebes-Skat" genanntes Kinder-Flirt-Spiel gehen soll. Auch Vokabular und räumliche Formationen waren eher enttäuschend.

Kollege Damien Liger dagegen erweist sich in seinem ebenfalls uraufgeführten "Bozzetto" als ein Choreograph, der einen flüssigen Modern-Dance-Stil beherrscht, mit Gespür für interessante Raumnahme und hoher Musikalität. Liger wollte über den Tanz eine Verbindung schaffen zwischen Vivaldi und dem nur 18 Jahre jüngeren Maler Giovanni Battista Tiepolo. Und das ist ihm ausgezeichnet gelungen. Zwischen mühelos beschwingten Tanzsequenzen posieren Figurinen-ähnlich seine sechs Tänzer: mal im Halbkreis, mal auf einer Diagonalen, mal in verschlungenem Gruppenarrangement - um diese Tableaux jedoch gleich wieder aufzulösen.

Ligers eleganter Bewegungsfluss mit seinen eingewebten barocken Armhaltungen, die Pastelltöne Blau, Rosé´ und Crè`me in leicht historisierenden Kostümen wie auch im Licht - ein Reigen zart leuchtender tänzerischer Bilder.

Die Amerikanerin Jennifer Hanna, nicht zum ersten Mal Gast bei Taylor, hatte auch diesmal eine aparte Idee, die jedoch wiederum choreographisch nur dünn ausgearbeitet ist. Ihr Stück heißt "Tugend", die wohl in Gestalt einer weißen Frau ein paar Mal die Bühne sphinxhaft durchwandert. Zu orientalisch gefärbter Musik von Paolo Pandolfo wirbelt sonst noch eine Art Derwisch-Gruppe herum und zu israelischem Lied ein nach Volkstanz-Muster ständig im Kreis laufendes Paar. Hübsch gelaufen von Gesine Moog und Alan Brooks, aber verstehe Sinn und Zusammenhang, wer kann.

Wie man Schrittmaterial variiert, Spannung aufbaut, den Zuschauer mit Effekten bei der Stange hält, all dieses handwerkliche Know-how können sich die Jungchoreographen bei den beiden älteren Taylor-Stücken abschauen, dem ungemein dynamisch-tänzerischen "Breath Bandits" zu John Adams und "Angels that sing" zu Steve Reich. Apropos: Auch Taylors Tänzer sind "Engel, die singen" können - mit ihren so wohltrainierten Körpern.

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