Der reine Tor

- Die Sensation ist perfekt - und der orthodoxe Wagnerianer nahe dem Infarkt: Christoph Schlingensief wird 2004 in Bayreuth den "Parsifal" inszenieren. Wolfgang Wagner hatte sich vor wenigen Wochen von Martin Kusej getrennt, der eigentlich für diese Produktion vorgesehen war.

<P>Schlingensief hat bislang keine Oper in seiner Regie-Bilanz - und befindet sich damit in guter Gesellschaft: Auch Lars von Trier, der 2006 auf dem Grünen Hügel den "Ring des Nibelungen" herausbringt, ist das Musiktheater noch fremd. Dennoch hat sich Schlingensief als Wagnerianer geoutet: Im letzten Jahr besuchte er die Festspiele, außerdem erschien eine CD mit dem Titel "Schlingensief trifft Wagner", auf der der gebürtige Oberhausener seine Lieblingsstücke zusammenstellte.</P><P>Der Opern-Debütant reagierte gewohnt locker: "Also ganz unbedarft bin ich wirklich nicht. Und was den ,Parsifal betrifft - ein Tor, der sich den Dingen unbedarft nähert, das könnte der Parsifal in mir sein." Oberflächliche Provokationen bei Wagners letztem Opus interessierten ihn nicht. "Ich werde keinen Sänger zwingen, nackt auf einem Eisblock zu singen oder mit einem Laptop herumzurennen."</P><P>Bayreuth verspricht sich von dem 42-Jährigen eine "spannende, aussagekräftige und werkgerechte Inszenierung", so Festspiel-Sprecher Peter Emmerich. Am Pult steht wie geplant Pierre Boulez, der zumindest in seinen Sturm-und-Drang-Jahren ein Wesensverwandter des Regie-Bengels war: Bekanntlich wollte Boulez alle Opernhäuser sprengen. Mit Schlingensief ist die Reihe von Wolfgang Wagners hoch ambitionierten Regie-Gästen komplett: dieses Jahr der "Holländer" mit Claus Guth, 2004 Schlingensief, 2005 Christoph Marthaler mit "Tristan" und 2006 Lars von Triers "Ring".<BR>Markus Thiel<BR><BR></P>

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