Die Landschaftsbilder und das satte Grün können nicht darüber hinwegtäuschen: Triebe und Ängste des Menschen bleiben (Szene mit v. li. Valery Tscheplanowa, Lukas Turtur und Marie Gyselbrecht). Foto: andreas pohlmann

"The Land" im Cuvilliéstheater

Reine Kopfsache

München - Im Cuvilliéstheater wurde „The Land“, eine Produktion des Residenztheaters und der Gruppe Peeping Tom, uraufgeführt.

Für Tanzschöpfer wie Pina Bausch, Reinhild Hoffmann und Hans Kresnik war das Theater ein Weg zur Erneuerung ihres Tanzes. Jetzt, nach 40 Jahren, sucht, umgekehrt, das Theater neue Inspiration beim Tanz. Mehr Körperlichkeit, eine über Sprach-losigkeit triumphierende Ausdruckskraft – das wäre ja zu gewinnen. Risikobereit gab das Münchner Residenztheater ein Stück bei Gabriela Carrizo und Franck Chartier, dem Leitungsduo der belgischen Tanzgruppe Peeping Tom, in Auftrag: „The Land“ wurde im Rahmen der städtischen Dance-Biennale im Cuvilliéstheater uraufgeführt. Großer Applaus für die Inszenierung und für die mit letzter Konsequenz auf das Wagnis eingehenden Schauspieler.

„The Land“, das ist ein sanft welliger grüner Hügel, darauf winzige Tannen, Gutshöfchen, ein Kirchlein: eine surreale Landschaft, in der Dörfler kniend Unkraut jäten – hoch über ihnen Hubschrauber-Gedröhn und später vorbeidonnernde Züge. Ländliche Idylle ist also nicht, auch wenn vertraut ein Hund anschlägt, ein Schaf blökt und sirenenhaft schöner Gesang hereinweht. Es liegt eine lähmende Dumpfheit über dieser Dorfgemeinde, in der jeder stumm-geplagt vor sich hinrackert. Dann passieren merkwürdige Dinge: Ein Holzhacker mit einem zuckenden Arm, der ihm später amputiert ist, verfolgt mit seiner Axt eine Frau. Ein Junge dreht in unendlich langen Minuten einer wild zappelnden Gans den Hals um. Ein Pärchen, in Furcht wohl vor der eigenen Sexualität, wird wie von elektrischem Strom durchgeschüttelt. Das Ehepaar, das feierlaunig ankommt, mit Kofferradio und lärmenden Kindern, muss dann die ertrunkene Tochter aus dem Wasser ziehen.

Es gibt noch mehr solcher filmschnittartiger Szenen, auch im zweiten Teil, wo sich der Hügel durch herabgesenkte Wände zum geräumigen Salon wandelt. Dort nimmt nun eine städtisch aufgebrezelte Gesellschaft den Tee ein. Die geladene Operndiva steuert gesanglichen Wohlklang bei. Ein verlaufenes, aufgeregt tänzelndes Wild – die in jedem Moment wunderbar präsente Valery Tscheplanowa unter einer Wolldecke, gekrönt von einem Rehkopf – wird mit Würgegriff zu Tode gebracht. Paul Wolff-Plottegg, zuvor der Beil-Mörder, trägt fachmännisch akribisch das Zerlegen des Wilds vor, befestigt die Kopf-Trophäe an der Wand, während Tscheplanowa jetzt als schlaffe Halbtote von Männerhand aufrecht gehalten wird.

Unsere Wahrnehmung, so Gabriela Carrizos Arbeitsthese, ist immer bereit, das konkret Wahrgenommene eigenmächtig weiterzuspinnen. Und das tut man – jeder Zuschauer natürlich nach Wesen und Wissen verschieden. Bei dem durch Zufall an den Füßen verhakten, in einen ungewollten Slapstick-Pas-de-deux gezwungenen Salon-Paar assoziiert man leicht die Marx-Brothers-Clownerien; bei den düsteren Dorfszenen Andrea Maria Schenkels „Tannöd“-Roman. Und wenn die feine Tee-Gesellschaft gleich zu Beginn rundum Landschaftsbilder aufhängt, sich also die Natur ins Haus holt, könnte man deuten: Land oder Stadt, der innere Mensch bleibt mit seinen Ängsten und Trieben, zwischen Liebe und Tod, immer der gleiche.

Insoweit scheint Carrizos Konzept voll aufgegangen. Bei all der geleisteten Arbeit macht jedoch ein wenig ratlos, dass die Szenen vor allem den Kopf und so gar nicht das Gefühl ansprechen. Es fehlt ein bisschen etwas von der Magie, wie man sie aus Robert Wilsons Bildertheater kennt, das tief Absurde eines Tadeusz Kantor. Ist Carrizos Stück das neue Denkpuzzle-Theater der Generation Smartphone? Hörbar begeistert war jedenfalls der jugendliche Teil des Publikums.

Malve Gradinger

Nächste Vorstellungen

heute sowie am 20., 21. Mai; Telefon 089/ 2185-1940.

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