Die reine Menschlichkeit

Mstislaw Rostropowitsch: - Ihm zu widerstehen, war schwer möglich. Nicht nur, weil man von seinem einzigartigen Cello-Spiel gefesselt war, von diesem sehr sehnigen, sinnlichen, so vielsagenden Ton. Oder von seinen Dirigaten, die genau das Gegenteil einer bloßen Noten-Verbuchung waren, die etwa Schostakowitsch oder Tschaikowsky den Hörer fast körperlich erfahren ließen.

Nein, auch abseits des Podiums war Mstislaw Rostropowitsch ein Mann der umarmenden Geste, charmant und liebenswürdig, humor- und temperamentvoll. Ein Mensch mit einem großen Herzen, auch für all die Ausgeschlossenen und (politisch) Benachteiligten dieser Welt. Doch dieses Herz schlägt nun nicht mehr, am Freitag ist "Slawa", wie Freunde den legendären Musiker nannten, nach schwerer Krebserkrankung in seiner russischen Heimat gestorben.

Es hatte sich ja schon vor vier Wochen abgezeichnet, als Rostropowitsch seinen 80. Geburtstag feiern wollte. Das ganze Jahr 2007 sei er ausgebucht, hatte er noch wenige Monate zuvor amüsiert festgestellt, doch seine Auftritte musste er alle absagen - auch die beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das sein Freitagskonzert Rostropowitsch widmete.

Jedem, der ihn als politischen Musiker bezeichnete, fiel Mstislav Rostropowitsch mit gespieltem Ärger ins Wort. "Was ich tue, riecht zwar nach Politik, ist aber die reine Menschlichkeit", beschied er einmal. Und so kam es, dass er nicht nur berühmt durch seine Interpretationen wurde, sondern auch durch sein furchtloses Eintreten für den Schriftsteller Alexander Solschenizyn, durch die drei Tage, die er mit Boris Jelzin im umkämpften Moskauer Regierungssitz aushielt, auch durch Bachs Cello-Suiten, die er an der gerade geschleiften Berliner Mauer spielte.

Obwohl Rostropowitsch jahrzehntelang im Zentrum der musikalischen und politischen Welt stand, obwohl seine Interpretationen Heerscharen von Cellisten prägten, wollte er sein Spiel nicht als letztgültigen Eigenwert verstanden wissen. "Ich überbringe nur die Briefe des Komponisten", hatte er es im Gespräch mit unserer Zeitung formuliert.

Eigene kompositorische Versuche legte er bald wieder beiseite: "Wenn ich die letzte Seite des Dvorák-Konzerts spiele, auch manche Schubert-Sonaten, dann habe ich Tränen in den Augen. Warum sollte ich selbst etwas schreiben?" Immerhin schrieben ja genügend andere für ihn. Gut 70 Uraufführung der renommiertesten Komponisten unserer Zeit kamen dabei zusammen, sie alle, von Schostakowitsch über Prokofjew und Britten bis zu Bernstein, wollten ihre Cello-Werke ausschließlich von ihm hören.

Das Cello-Spiel gab Rostropowitsch vor einiger Zeit auf, als Dirigent war er, zur Freude von Orchestermusikern und Zuhörern, weiter aktiv. Bis eben im November, als er an der Leber operiert werden musste, wenige Wochen später erlitt er im südrussischen Woronesch einen schweren Schwächeanfall. Nach einem Bericht des staatlichen russischen Fernsehens soll Rostropowitsch auf dem Moskauer Prominentenfriedhof Nowodewitschi seine letzte Ruhe finden. Dort, wo auch Prokofjew und Schostakowitsch begraben sind.

Rostropowitsch hatte lange Zeit das Leben eines Entwurzelten geführt. 1974 emigrierten er und seine Frau Galina Wischnewskaja, die frühere Bolschoi-Primadonna, und die beiden Töchter nach Paris. Später wurde er Chefdirigent in Washington, doch seine Heimat blieb das geliebte Russland. Als die Sowjetunion zerfiel, nahm er daher sofort wieder die russische Staatsbürgerschaft an.

Und Rostropowitsch kehrte zurück: Mit dem National Symphony Orchestra aus Washington gab er 1993 auf dem Roten Platz ein Konzert. Ein Triumph - und der Höhepunkt seiner Karriere, wie Rostropowitsch meinte. Seine größte Leidenschaft allerdings, so sagte er scherzhaft, seien lange Flüge. "Kein Telefon, nur Lesen, Trinken, Schlafen - das ist für mich die Generalprobe fürs Paradies." Jener Ort also, an dem man ihn jetzt vermuten darf.

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