Ein reiner Männerbund

München - Mit "Boogie Nights" galt er als das neue Regie-Wunderkind Amerikas, mit "Magnolia" gewann er 2000 mit nur 30 Jahren den Goldenen Bären bei der Berlinale: Paul Thomas Anderson, geboren 1970, gilt heute bereits als einer der innovativsten Regisseure der Welt. "There Will Be Blood" war auf der Berlinale zu sehen und läuft ab Donnerstag in unseren Kinos.

Wenn man die Buchvorlage, Upton Sinclairs Roman "Oil!", kennt, weiß man: Sie haben so ziemlich alles geändert, was sich ändern lässt. Wozu haben Sie das Buch überhaupt gebraucht?

Stimmt, es hat sich viel geändert. Aber am Anfang schien es gar nicht so. Wir hatten noch viel mehr im Drehbuch drin gelassen. Stück für Stück habe ich die Handlung dann konzentriert. Ich hatte den Eindruck, das Buch brauchte diese Reduktion. Zugleich habe ich neue Szenen geschrieben; und je mehr neue Szenen dazu kamen, umso mehr schien manches aus dem Roman überflüssig. Es geht ja in so einem Fall nicht darum, den Roman exakt widerzuspiegeln ­ den kann jeder lesen, der sich über Sinclairs Buch informieren will. Mit geht es darum zu erzählen, was ich selbst erzählen will, und dazu benutze ich das Buch als Material ­ und vieles mehr: Wir haben auch historische Sachbücher als Quellen. Aber wir schulden dem Roman viel. Die Rede am Anfang ist Wort für Wort übernommen.

Wenn Sie so viel geändert haben: Warum gibt es kaum Frauen in Ihrem Film?

Es gab dort auf den Ölfeldern einfach kaum Frauen. Eine Liebesgeschichte schien mir überflüssig. Wir hatten schon genug zu erzählen. Die Wahrheit ist: Die einzigen Frauen, die dort waren, waren Prostituierte. Wir haben solch eine Szene gedreht, aber dann doch aus dem fertigen Film herausgelassen. Ansonsten war das ein reiner Männerbund. Zwischendurch beim Schnitt hat mich das auch gestört.

Als Sie diesen Film konzipiert haben: Was waren die ersten Bilder, die Sie im Kopf hatten?

Wir hatten enorm viele, sehr sehr eindrucksvolle Fotografien der kalifornischen Ölfelder und des damaligen Ölbooms. An sie haben wir uns gehalten und versucht, dies auf der Leinwand wieder zum Leben zu erwecken. Ich habe keinen klaren Plan für die Bilder gehabt, aber diese Fotos im Kopf.

Das heißt, es ging zuerst um die Landschaft und Szenerie, nicht um Charaktere?

Nein, so kann man das auch nicht sagen. Über zwei Stunden Landschaften wäre etwas langweilig.

Welche Bilder und Vorbilder aus der Filmgeschichte waren für Sie wichtig? Orson Welles, George Stevens drängen sich auf, man könnte auch an Horrorfilme denken...

Ja, sie erwähnen die wichtigsten und besten. Stevens' "Giganten" war von enormem Einfluss. Auch John Hustons "Der Schatz der Sierra Madre" ist mir wichtig. Mit dem Hinweis auf den Horrorfilm treffen Sie ins Schwarze. Ich habe den Film für mich immer als Horrorfilm konzipiert. Ich denke, ich habe ihn gerade gedreht. Er handelt vom Schrecken unseres Lebens. Und es ist natürlich unvermeidlich, beim Thema Öl nicht auch an Politik zu denken.

Es gibt etwas Exzessives, Barockes, Opernhaftes in "There Will Be Blood". Als versuchten Sie sich an einer Art Mythologie unserer Zeit. Man muss gelegentlich an Wagners "Ring des Nibelungen" denken...

Diese Geschichte, auch Kulturgeschichte des Ölbooms, ist ein großes, großes Ding. Der Grundton von Größe liegt insofern auch an dem Thema. Sie können den Ton des Films episch nennen. Das hat etwas mit der Filmsprache zu tun, der antidramatischen Erzählweise. Aber auch ganz schlicht mit der Länge. Über 90 Minuten kann man kaum episch erzählen. Über Opern weiß ich hingegen offen gesagt kaum etwas.

Warum hat es seit "Punch Drunk Love" 2002 so lange gedauert, bis Ihr vierter Film fertig wurde?

Ich musste schreiben, aber dann auch die Finanzierung auf die Beine bekommen. Das war ein schwieriger Film.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland

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