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Emile Griffith

Comic „Knock out!“ in München vorgestellt

K.o. ohne Sieger

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Reinhard Kleist erzählt das wechselvolle Leben des Box-Weltmeisters Emile Griffith in einer packenden Graphic Novel.

Reinhard Kleist

Er war jung. Er war schwarz. Er war schwul. Viele Chancen hatte Emile Griffith in den USA der Fünfzigerjahre also nicht, etwas Besonderes aus seinem Leben zu machen – zumal er kaum einen Grund sah, seine Homosexualität zu verstecken. Aber der Bursche, 1938 auf der Karibikinsel St. Thomas geboren, war ein Boxtalent, wurde Weltmeister in drei Gewichtsklassen.

Ein Kampf veränderte sein Leben jedoch völlig. Am Abend des 24. März 1962 stand Griffith im Madison Square Garden in New York zum dritten Mal innerhalb eines Jahres Benny Paret gegenüber. Was nur wenige Beobachter mitbekommen hatten: Beim Wiegen der Boxer hatte der Kubaner seinen Kontrahenten homophob beleidigt – Griffith gab die Antwort mit den Fäusten. Der Ringrichter brach den Kampf (zu) spät ab, noch im Ring fiel Paret ins Koma und starb zehn Tage später.

Benny Paret starb zehn Tage nach dem Kampf

„Er gab sich selbst die Schuld“, sagt Reinhard Kleist über Emile Griffith. „Obwohl er vor Gericht freigesprochen wurde und die Kausalität, die zu Parets Tod führte, nicht wirklich klar war.“ Der Berliner Comiczeichner und Autor hat jetzt eine eindrucksvolle Graphic Novel über den Sportler veröffentlicht; am Samstag stellt er „Knock out!“ in München vor (siehe Kasten).

Kleist, Jahrgang 1970, ging es bei der Umsetzung vor allem um die Frage, „was passiert, wenn jemand homophob angegriffen wird und sich nicht wegduckt, sondern zurückschlägt“. Griffith sei eine „ziemlich faszinierende Persönlichkeit, der es in einer Zeit, in der es für Schwule per se schwierig war, geschafft hatte, einen recht offenen Lebensstil zu führen“, erläutert  der  Künstler,  der  zu den wichtigsten deutschen Comic-Schaffenden zählt. „Ich konnte mit Griffith mitfühlen, da ich es mit meinem Schwulsein auch nicht immer leicht hatte.“

Griffith liebte nicht nur Männer, sondern auch Mode

Zuletzt hat Kleist mit„Mercy on me“ (2017) eine auch dramaturgisch faszinierend schillernde Biografie über den Musiker Nick Cave vorgelegt. Für „Knock out!“ ist er nun zum linearen Erzählen zurückgekehrt. Die Rahmenhandlung der in expressivem Schwarz-Weiß gehaltenen Geschichte setzt 1992 ein, als Griffith beim Verlassen einer Schwulenbar trotz Gegenwehr von einem Mob halb totgeprügelt wird. Im Delirium erscheint ihm Benny Paret – das Gespräch der beiden nutzt Kleist, um von Griffiths Leben zu erzählen. „Wie seltsam das ist“, zitiert er den Boxer: „Ich töte einen Mann, und die meisten Leute verstehen das und verzeihen mir. Hingegen, ich liebe einen Mann, und so viele halten das für eine unverzeihliche Sünde.“

Emile Griffith

Doch Griffith liebte nicht nur Männer, sondern auch Mode. Sein erstes Geld verdiente er als Lagerarbeiter in einer Hutfabrik, später kreierte er Damenhüte für ein Modelabel. „Ein schwarzer, schwuler Boxer, der in Damenmode macht! Mir bleibt auch nichts erspart“, stöhnt Griffiths Trainer an einer Stelle dieses Buchs, das auch für Menschen lesenswert ist, die nichts mit dem Boxsport anfangen können.

Griffith kam übrigens nur durch die Zeitumstände zum Faustkampf, sein Interesse galt Baseball und Tischtennis: „Pingpong – machen Sie das hier auch?“, fragt der spätere Champ naiv beim ersten Training. Doch zu seiner Zeit haben schwarze Athleten weder in der einen noch in der anderen Sportart eine Chance.

Tischtennis hätte also Leben retten können – jenes von Paret, aber auch, im übertragenen Sinn, das von Griffith. Denn an den Konsequenzen aus der Nacht vom 24. März 1962, dem K.o. ohne Sieger, trug er bis zu seinem Tod, obwohl er danach weitere 15 Jahre im Ring stand. „Wenn ich auch nicht im Gefängnis gelandet bin, so war ich trotzdem fast mein ganzes Leben lang eingesperrt“, bilanzierte der Kämpfer. Da mag es als Trost erscheinen, dass er dement war, bevor er 2013 starb. Die Krankheit ließ ihn vergessen. Nun erinnert Kleist an sein Leben und dessen viele Brüche.

Informationen zum Buch:

Reinhard Kleist: „Knock out!“. Carlsen Verlag, Hamburg, 128 Seiten; 18 Euro.

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