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Bereiste rund 70 Länder: Der ehemalige Extrembergsteiger Reinhold Messner.

Im Gespräch

Reinhold Messner: “Südtirol ist ein Vorbild für Europa“

Reinhold Messner erklärt im Interview, warum Südtirol als Vorbild für Europa taugt. Und er spricht über sein neuestes Projekt: eine Himalaya-Hängebrücke.  

Ein Weltreisender ist der Südtiroler Reinhold Messner. Er sieht sich vor allem als Europäer. In rund 70 Ländern war der 72-jährige Familienmensch, Extrembergsteiger und Museumsgründer Gast. Je länger er unterwegs ist, um so mehr stellt sich bei ihm die „Sehnsucht Südtirol“ ein. Über diese Emotion, Südtirol, Europa und sein neues Projekt – eine Himalaya-Hängebrücke bei seinem Messner Mountain Museum (MMM) in Schloss Sigmundskron – haben wir uns unterhalten.

Herr Messner, in wie vielen Ländern waren Sie schon?

Reinhold Messner: (lacht) Habe ich noch nie zusammengezählt – ich war um Weihnachten in Ruanda und Uganda. In einigen Ländern war ich schon häufig – in Nepal 30 bis 40 Mal, Tibet, Pakistan. Meine Hauptreiseziele waren immer die Gebirge, dann auch in Chile und Argentinien. Dazu habe ich auf allen Kontinenten Vorträge gehalten. Insgesamt war ich sicherlich in 60 bis 70 Ländern der Erde.

Wie ist das, wenn man einige Zeit weg gewesen ist? Gibt es eine Art „Sehnsucht Südtirol“? Und wenn ja, warum?

Messner: Ja, die gibt es. Südtirol ist eines der schönsten Fleckchen Mitteleuropas. Die Dolomiten sind die schönsten Berge. Diese unglaubliche Spannung – die horizontalen Almwiesen, Bergwälder, Bauernhöfe, darüber ragen vertikal die Bergwände auf in einer absoluten Direktheit ohne Vergleich. Dieses Spannungsverhältnis gibt es sonst nirgendwo. Im Himalaya sind die Berge natürlich höher, aber verwechselbar. Südtirol bleibt einfach einmalig!

„Wir Südtiroler sind ein positives Beispiel für Europa“

Wie ist das mit der „Sehnsucht Südtirol“?

Das Museum Corones auf dem Gipfelplateau des Kronplatzes auf 2275 Metern.

Messner: Die Sehnsucht Südtirol wächst umso mehr, je länger ich weg bin. Die Vorstellung aber ist häufig idealistischer als die Realität. Wir Südtiroler sind dabei, Europäer zu werden. Wir haben uns in den letzten 30, 40 Jahren mächtig verändert. Früher waren wir arm, ein abgesprengtes, kleines Völklein, das gelitten hat. Heute sind wir offen, mehrsprachig, als Region erfolgreich. Die Kinder lernen schon in der Volksschule drei Sprachen. Das ist sehr wichtig! Damit ist die Spannung zwischen dem Deutschen und dem Italienischen weniger geworden. Früher wollten wir nicht Italienisch lernen. Seit Englisch Teil des Unterrichts ist, wird es selbstverständlich, Englisch, Deutsch und Italienisch zu sprechen. Wir Südtiroler sind bereits heute ein positives Beispiel für ein Europa, das wir brauchen, wenn wir als Europäer nicht untergehen wollen. Wir sind ganz selbstverständlich Europäer. Wir sind keine Italiener, keine Deutschen und keine Österreicher. Wir haben ein lokales und ein europäisches Selbstverständnis. Und wer ein bisschen über den Tellerrand schaut, fühlt sich als Weltbürger.

Wenn Sie wieder nach Hause kommen – nach längerer Zeit, wohin gehen Sie dann? Wo können Sie sich wieder verorten?

Messner: Seitdem ich Familie habe, ist sie der Dreh- und Angelpunkt meines Daseins. Mit Schloss Juval haben wir einen fantastischen Platz, an dem wir im Sommer wohnen, einer der schönsten Plätze im gesamten Alpenbogen. Mir ging es immer um starke Plätze. Also Plätze, die Ausstrahlung haben. Juval, diese Burg, die ich erworben habe; vermutlich hatte Ötzi unterhalb der Felsen seinen Winterplatz. Der Ort hat 1000 und mehr Jahre Geschichte. Man sieht von dort auf die Ötztaler Gletscher, auf die vergletscherte Ortler Gruppe. Man ist auf 100 Metern Höhe, zwischen Weinbergen und Zirbenbäumen, einer der Schlüsselorte Europas, was für ein Lebensgefühl!

Wo sehen Sie Südtirol heute?

Messner: Südtirol gehört heute zu den erfolgreichsten Regionen Europas, und viele Südtiroler sind offen für Fremdes. Wir dürfen stolz darauf sein, was wir geschafft haben. Wir haben eine brauchbare Autonomie, keine perfekte; der Prozess der Selbstverwaltung schreitet voran. Ich bin nicht mit allem glücklich, aber Probleme gibt es woanders auch. Das Messner Mountain Museum (MMM) ist mein Input zur Heimat; dazu gehört Schloss Sigmundskron – die größte Burganlage Südtirols. 

Messners Ziel: Weltweite Erfahrung zurück in die Heimat bringen

Was ist außerdem besonders daran?

Mythos Berg: Schloss Juval ist der Sommerwohnsitz der Familie Messner - und einer von sechs Standorten des Messner Mountain Museum (MMM).

Messner: Die Anlage ging seit etwa 1480 kaputt. Sie geht zurück auf Herzog Sigmund „den Münzreichen“. Der hatte während des Baus schon Angst, dass die Venezianer, damals die stärkste Macht der Erde, kommen und die Burg kaputt schießen würden. Deshalb hat er als Landesherr das Schloss halb fertig verlassen. Die Landesregierung hat um die Jahrtausendwende Sigmundskron als Ruine saniert. Bei der Sanierung durften weder die Gebäude, noch die Silhouette verändert werden. Es ist ein starker Platz geworden. Hier ist das Zentrum meines Museums. Um dieses Museum habe ich fünf weitere Häuser gestellt, wo ich erzähle, welche Beziehung Mensch und Berge zueinander haben. Die ist mein Input für das eigenen Land: zurückzubringen, was ich weltweit an Erfahrungen gemacht habe. Wir Südtiroler leben auch vom Tourismus. Ich darf es mit Stolz sagen, weil wir so viele gute Gastgeber haben. Es reicht heute aber nicht mehr, ein schönes Hotel, einmalige Berge und saubere Wanderberge und natürlich auch Wellness anzubieten. Vielmehr haben wir heute die selbstverständliche Aufgabe, den Tourismus kulturell zu unterfüttern. Und das ist meine Aufgabe. Vielleicht versteht man mich in den nächsten Jahrhunderten, wenn ich erst einmal unter der Erde bin.

Wird auch den Kindern im Museum etwas geboten?

Messner: Ja! Aktuell wollen wir eine Hängebrücke bauen – so wie im Himalaya. 50 Meter weit, hoch oben über den Mauern des Schlosses. Es muss noch vom Denkmalamt genehmigt werden. Eine solche Brücke darf nicht die denkmalgeschützte Anlage stören. Die Brücke habe ich speziell für die Kinder angedacht. Die Mama sagt vielleicht, ich traue mich nicht drüber, die Kinder aber trauen sich so wie die Sherpas im Himalaya. Wir haben auch eine Höhlenlabyrinth für die Kinder, das an die Sage um König Laurin anknüpft. Mir ist vollkommen bewusst, dass museale Ausstellungen ohne Aktionen für Kinder eher langweilig sind.

Vieles, was Sie machen, sind „Herzensangelegenheiten“... 

Messner: Herzensangelegenheit im doppelten Sinne: Erstens, weil ich starke Erfahrungen gemacht habe und diese weitergeben möchte. Die meisten Menschen haben ja nicht die Möglichkeit, ein Leben lang im Himalaya herumzusteigen. Diese Menschen haben ja etwas Nützliches getan. Ich – als Eroberer des Nutzlosen habe mir deshalb dieses wilde Leben leisten können. Ich möchte als Stellvertreter all das einbringen, was ich als Privilegierter, als Reisender, als Bergsteiger erfahren kann. Es kommt allen Menschen – alt und jung, Mann und Frau zugute. Das Museum wird frei-wirtschaftlich – also ohne Subventionen – betrieben. Ich habe in Südtirol meine Erfahrungen gemacht, bis ich 25 Jahre alt war. Ich will im Alter Südtirol etwas zurückgeben, teilen.

Was ist das Wichtigste für Sie zur Zeit?

Messner: Dass wir hoffentlich den Weg der selbstverständlichen Europäer finden und weitergehen. Das ist nicht hohe Politik – nein, viel eher ist es Emotion. Wir sind leider nicht alle Europäer geworden. Diese fast 500 Millionen Menschen dürften schätzen, was sie haben. Viele identifizieren sich nicht mit Europa! Es ist eher Spaltung entstanden. All diese Parteien, die auf der rechten Seite zu finden sind, stehen dagegen. Wenn wir ein europäisches Selbstbewusstsein entwickelt hätten, eine Hinwendung zum gemeinsamen Ganzen, und weniger nationale Egoismen, wäre es für uns alle viel besser. Europa dürfen wir als das Vorbild für die ganze Welt sehen. 

„Wir sind nur dann Europäer, wenn sich das Nationale verflüchtigt“

Warum?

Der Himmel zum Greifen nah: Vom Museum im alten Fort auf dem Monte Rite (2181 m), im Herzen der Dolomiten, zwischen Pieve di Cadore und Cortina d’Ampezzo, eröffnet sich ein Rundblick von 360° auf die spektakulärsten Dolomitengipfel.

Messner: Die sozialen-ökolgischen Errungenschaften zum Beispiel sind europäisch. Das sind keine amerikanischen oder chinesischen Errungenschaften. Wir Südtiroler hatten es schwer, wurden nach dem Ersten Weltkrieg auseinandergerissen und Italien angehängt. Inzwischen haben wir einen Vorteil daraus gezogen, weil wir mehrsprachig sind, eine Doppelkultur pflegen und uns trotzdem nicht national als Italiener fühlen müssen. Wir dürfen uns als Südtiroler in einem lokalen Selbstverständnis wohlfühlen und in einem größeren als Europäer. Die Bayern sind Bayern, die Württemberger sind Schwaben. Wir sind nur dann Europäer, wenn sich das Nationale langsam verflüchtigt. Dann wird auch Europa erfolgreich sein. Wenn nicht, gute Nacht Europa. Südtirol ist Vorbild. Zu uns dürfen alle Touristen kommen. Wir lassen alle herein, weil wir Gastgeber sind, weil wir großzügig sind. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten zum Positiven entwickelt. Ich wünsche mir, dass viele Menschen zu uns kommen und spüren, dass es ein offenes Stück Europa gibt. Das gilt auch für die Flüchtlinge, die wir im Rahmen unserer italienischen Verpflichtungen aufnehmen. Noch ein Beispiel: Ich bin gerade unterwegs gewesen und habe festgestellt, dass mehr italienischsprachige Südtiroler auf den Wanderwegen um Meran unterwegs sind als deutschsprachige. Und das, obwohl die Bevölkerung Südtirols nur zu 25 Prozent italienisch spricht: Endlich nehmen auch sie das Land als Heimat wahr. Dabei ist meine Heimat etwas anderes als das Heimelige der Hinterwelt.

Das Gespräch führte Bodo-Klaus Eidmann

Das Schloss Juval und Reinhold Messner

Das mittelalterliche Schloss Juval befindet sich an einem prähistorischen Kultplatz auf einem Hügel am Eingang des ursprünglichen Schnalstales. Die Burganlage wurde um das Jahr 1278 von Hugo von Montalban erbaut und gelangte im Jahre 1368 in den Besitz der Herren von Starkenberg. 1540 wird das Schloss nach einigen Besitzerwechseln von der Familie Sinkmoser erworben und erreicht in jenen Jahren ihre Blütezeit. Jahrhunderte später, im Jahr 1913, ersteht der holländische Kolonialherr William Rowland die nunmehr baufällige Burg und lässt sie fachgerecht sanieren. 

Seit 1983 ist Schloss Juval der Sommerwohnsitz von Bergsteigerlegende Reinhold Messner, hier schreibt er Bücher und tüftelt an neuen Ideen. Das Schloss ist einer von sechs Standorten des MMM, das Messner Mountain Museum, das den heiligen Bergen gewidmet ist. Hier hat der Südtiroler Extrembergsteiger Reinhold Messner mehrere Kunstsammlungen untergebracht. Sehenswert ist sowohl die umfangreiche Tibetika-Sammlung, als auch die Bergbildergalerie und die Maskensammlung mit Exponaten aus fünf Kontinenten. Auch Fresken aus der Epoche der Renaissance gibt es auf Schloss Juval zu bestaunen. Rund um das Schloss betreibt Reinhold Messner einen Bergtierpark sowie eine kleine Landwirtschaft mit Weinbau. Das an das Schloss angeschlossene Weingut „Unterortl“, der Biohof „Oberortl“ und der „Schlosswirt“ sind Teil eines Gesamtkonzeptes, das geschaffen wurde, um diese kleinräumige Südtiroler Kulturlandschaft zu beleben und zu erhalten.

Messner Mountain Museum

Öffnungszeiten: 26. März bis 30. Juni und vom 1. September bis 5. November. Juli und August geschlossen. Besichtigung nur mit Führung.

Das Interview erscheint am Freitag, 24.2.2017, auch im Journal von Münchner Merkur und tz.

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