Reise ins Reich der Fantasie

- Münchens Tollwood Festival kann spätestens jetzt als das etwas andere Oktoberfest gelten. Ein Unterschied, u. a.: Wo's auf der Wiesn feucht wird in den Kehlen, wird's bei Rita Rottenwallners Kultur-Volksfest auf dem Olympia-Gelände eher nass unter den Sohlen. Hält aber echte "Tollwooder" nicht ab. Knackvolles Theaterinsel-Zelt bei "L'Oratorio d'Auré´lia": ein kopfverkehrter Bilderreigen aus der Traumfabrik der Zirkusfrau Victoria Thierré´e Chaplin.

<P>Donnerwetter, Charlie Chaplins fruchtbare Begabungs-Gene sind auch noch bei Victoria, seiner jüngsten Tochter, wohlbehalten angekommen. Mit ihren fantastischen Tier-Metamorphosen hat sie schon zweimal Tollwood ein Highlight aufgesteckt. Immer allerdings zusammen mit ihrem Ehemann Thierré´e. Und dessen erfahrener Sinn für Bühnenmagie, damit ist es gleich heraus, fehlt hier ein bisschen. An Ideen mangelt es diesem Regie-Debüt nicht. Ist ja auch inspiriert von der hübschen Tochter Auré´lia Thierré´e Chaplin - die als hoch gewachsene "Alice im Dada-Land" durch Mutters Traum-Mosaik wandert: Gerade verschwindet sie in dem merkwürdig gestückelten roten Vorhang, in dessen Falten sich auch schon mal ein Bücherschrank öffnet. Und schon hängt sie oben heftig schwankend in Stoffbahnen als Trapez-Engel. Verzaubert hinter weißer Gardinenspitze, strickt sie sich schnell wieder ein Bein, das ein herziges Krokodil, schnapp-schnapp, abgebissen hat.</P><P>In der Welt des Traums, so lernen wir erneut, ist alles möglich. Und die Dinge existieren verkehrt herum: Auré´lia sitzt nicht, sondern hängt kopfüber an einer fernöstlichen Trage. Flattert hoch oben, während ihr armer Papierdrache den Boden entlangkrebst. Und natürlich einiges aus der Varié´té´-Trickkiste: die höfisch-steife Prunk-Lady hat, wenn sie den weiten Rock vorne öffnet, als Unterleib nur eine Sanduhr, aus der ihr Leben herausrieselt - zum Elendshäufchen. Bis eine hilfreiche Hand es aufkehrt, in schwarze Strümpfe füllt und Auré´lia wieder quicklebendig aus einem Korbwägelchen steigt. Der Clou ganz am Ende. Auré´lia, mit Wollschal dick vermummt, hat ein viereckiges Loch, wo sonst der Magen sitzt. Und wenn sie sich an die Spielzeugeisenbahn stellt, fährt das Zügli immer wieder durch sie hindurch.</P><P>Viele Bilder. Wohl, wohl. Aber sie heben nicht wirklich ab ins Reich der Poesie. Das liegt an unfertigen Übergängen, am schleppenden Timing, an der Allerwelts-Musikwahl. Das liegt auch an der 28-jährigen Protagonistin, die noch ganz für sich, nach innen spielt - jungfräulich charmante Scheu, die jedoch keinen ganzen Abend trägt. Und Jamie Martinez, ein sichtbar durchtrainierter Ballerino, fungiert eher nur als tänzerisches (kaum einfallsreiches) Accessoire.</P><P>Wie hübsch hatte es doch angefangen, mit ihr, "zerstückelt" in einer Holzkommode. Hand, Fuß, Kopf, Torso und Beine, hervorlugend aus verschiedenen Schubladen! Und aus dem Off: "Auré´lia, bitte geh ans Telefon. Seit drei Tagen versuche ich schon, dich zu erreichen." Auré´lia aber tauchte ab in ihre Fantasiewelt. Den Lover mit der so schönen Stimme hat man jedoch nicht wieder gehört. Schade.</P><P>Bis 21. Juni, Telefon: 089/ 38 38 50-0</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Zurück in die Zukunft
Berlin. Harrison Ford und Ryan Gosling stellen in Berlin Szenen ihres neuen Kinofilms „Blade Runner 2049“ vor.
Zurück in die Zukunft

Kommentare