Der Reiz der guten Stücke

- Frankfurts Theater am Turm, Berliner Schaubühne (1974-92), jede Menge Film und Fernsehen (u. a. Dr. Fried in "Wolffs Revier"), Shakespeare, Botho Strauß, sogar Operette und Musical - Gerd Wamelings Karriere ist vielfältig, dicht, und er, der ernste, hochgradig bewusste Künstler, in jeder Sparte hundertprozentig engagiert. Gleich zu Beginn der nächsten Saison die Chance, ihn in der Münchner Komödie im Bayerischen Hof zu sehen: in Donald Margulies' "Freunde zum Essen", einem Stück über zwei befreundete, aber dann doch ziemlich ungleiche Ehepaare.

<P>Sie haben auf berühmten Bühnen gespielt, unter großen Regisseuren wie Peter Stein, Luc Bondy und Klaus Michael Grüber. Was reizt Sie trotzdem jetzt am Boulevard?<BR><BR>Wameling: Es ist nicht das Boulevard, das mich reizt. Mich reizen gute Stücke. Mich reizen Zuschauer, die Geschichten im Theater sehen wollen, die sich mit ihren Problemen beschäftigen. Und große Boulevard-Stücke, von Labiche, Feydeau und von den Amerikanern und Engländern, die das eben besser können als die Deutschen. Das sind ja wunderbare ausgetüftelte Komödien auf hohem Niveau. Dieses Stück führt zwei Lebensentwürfe vor, die auch vom Autor mit einer ähnlichen Kraft belegt werden. Er gibt keinem Recht. Karen und Gabe, den ich spiele, haben ihre besten Freunde miteinander verheiratet, um in diesem freundschaftlichen Verbund die Schwierigkeiten des Lebens besser zu meistern. Aber Tom will plötzlich seine Freiheit. Und alles, was man sich so schön ausgedacht hatte, gerät jetzt ins Wanken. Auch Gabe. Meine Rolle ist eine richtig gut geführte Theaterfigur, mit einer Entwicklung, mit Einbrüchen, mit Zweifeln und Entscheidungen.<BR><BR>Haben Sie das Stück schon irgendwo gesehen?<BR><BR>Wameling: Ja, in einer amerikanischen Fernseh-/Filmversion, mit Dennis Quaid und Andy McDowell. Ich finde das ganz flott und gut gespielt - aber als Theaterstück irgendwie spannender. Weil diese Dialoge nicht für den Film geschrieben sind. Das Typische des Films ist, dass er Bewegung und Schnitte hat. Das Theater arbeitet aber mit längeren Phasen. Ein Dialog kann sich anders aufbauen. Und die Bühne ist ein Ort für eine langsam sich entwickelnde Geschichte.<BR><BR>Da nun einmal viele amerikanische und englische Stücke gespielt werden, verlieren die nicht durch die Übersetzungen?<BR><BR>Wameling: Einige Übersetzer sind eben doch Schreibtischtäter. Sie wissen oft nichts von den schauspielerischen Vorgängen einer Figur, wie sie redet - weil sie selbst nicht laut reden. Und es gibt Übersetzungsfehler, die den Wortspielen nicht Rechnung tragen. Ich habe einmal "Unter Aufsicht" von Jean Genet mit Schauspielschülern gemacht, in dem ein Ritualmord vorkommt. Und der erste Übersetzer hatte jedes Mal andere deutsche Worte gefunden, so dass gar nicht klar wurde, dass es sich um ein Ritual handelte. Erst später hat Simon Werle es richtig übersetzt. Diesmal haben wir auch die englische Version dabei gehabt. Und Sona MacDonald ist ja gebürtige Amerikanerin. Wir haben den Text immer sehr genau überprüft und manchmal auch etwas verändert.<BR><BR>Sie haben zum ersten Mal mit Regisseur Dietmar Pflegerl gearbeitet . . .<BR><BR>Wameling: Ja, aber wir hatten uns schon vorher kennen gelernt, und ich wollte mit ihm arbeiten. Pflegerl ist ein Regisseur, der es schätzt, wenn Schauspieler ihm etwas anbieten. Jeder arbeitet anders. Peter Stein war ein Mann, der den Schauspieler an die Hand genommen und geführt hat über alle Brücken hinweg zu einem Licht, das gibt es heute gar nicht mehr. Aber die Sorgfalt, ein Stück zu betrachten . . . Ich werde immer von den Kollegen sehr komisch angeschaut, wenn ich sage "Moment mal, hier steht aber, der Kuchen ist bis zur Hälfte aufgegessen. Wieso ist dieser hier noch ganz?" Dann heißt es, ach, das ist doch egal. Nein, das ist nicht egal. Und ich finde, dass durch das genaue Betrachten von Dingen etwas ganz anderes herauskommt. Das kostet manchmal mehr Zeit, ist teurer. Und auch ein bisschen nerviger. Aber ich finde, es lohnt sich immer.<BR><BR>Im Henschel Verlag ist gerade "Stella Adler - Die Schule der Schauspielkunst" erschienen. Für Adler, die ja noch bei Stanislawski selbst studiert hat, ist die Stimme des Schauspielers sehr wichtig.<BR><BR>Wameling: Na ja, es muss natürlich noch etwas anderes dazukommen. Ich glaube, es gibt viele Ausstrahlungskriterien. Es gibt den Schauspieler, der als starke Persönlichkeit rüberkommt. Und manchmal kommt etwas rüber, was gar nicht der Realität entspricht. Es gibt ja auch so Gratwanderer, die am Wahnsinn entlangschlittern und im privaten Leben mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Ihr Spiel auf der Bühne ist wie ein Feuerwerk. Man kann die Frage nicht einheitlich beantworten. Gott sei Dank gibt es noch diese Geheimnisse.</P><P>Das Gespräch führte Malve Gradinger</P>

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