Reiz der Recherche

- Knurrige unzufriedene Bemerkungen von Zuschauern beim Verlassen der Münchner Muffathalle. Wer sich nicht intensiv mit zeitgenössischem Tanz beschäftigt und von daher nicht (vor)bereit(et) ist, auch noch in spröder Recherche einen Reiz zu suchen, der wird enttäuscht sein von Lynda Gaudreaus "Encyclopaedia -_ Document 3", dem Auftakt der Tanzwerkstatt Europa.

<P>Eine Choreographie einmal als eine ganz persönliche Enzyklopädie, als eine Versammlung von eigenen Erfahrungen, von "objets trouvé´s", von Kunstschnipseln geschätzter Kollegen - warum nicht? Max Ernst, Marcel Duchamp & Co haben ja auch Fremdmaterial collagiert. Aus dem Blickwinkel der bildenden Kunst hat Gaudreau, die studierte Kunstgeschichtlerin, (mit Annie Lebel) die bewegte Szenographie entwickelt: Von dem großen, weißen, zentralen Teppich falten die vier Tänzer den hinteren Teil hoch zu einer schmalen Breitwand, auf die später ein Video von dem Choreographen Akram Khan projiziert wird. Wie Khan auf das Live-Kommando von Cristian Duarte - dieser immer mal wieder ein postmodern verhaspelter Spielmacher - sich auf virtueller Schnellstraße vor- und zurück- und in akzelerierten Kreisen bewegt, auch geschrumpft zum Schachfigürchen, das ist ein erkennbares, auch optisch wirksames "Dance-Ready-Made". Von dieser Art hätte man gerne mehr gesehen. Wenn es noch andere gab, waren sie nicht zu orten.</P><P>Die zweite Konzept-Idee: Mittels ihrer tragbaren Mikros erzeugen die vier Tänzer durch ruckartige Arm-Gesten, Breakdance-Torso-Wellen, durch hochgekickte Beine, scharrende Füße, auch durch Zungen- und Kehl-Laute ständig Geräusche. Elektronisch präpariert und noch mit zeitversetztem Techno-Echo ergänzt (von den Sound-Künstlern Migone und St-Onge), klirrknispelt es von allen Seiten in den Raum. Es grunscht, röhrt, hauchhüstelt, knällert und sirrfaucht. Klang-Generierung, die Pierre Boulez im Pariser IRCAM-Institut vor 30 Jahren und viele andere nach ihm erprobten. Was aber gar nicht der Punkt ist. Die entstehenden Geräusch-Texturen sind zu beliebig. Und konzentriert auf diese Tüftel-Akustik blieb Gaudreau offensichtlich zu wenig Kraft für die Bewegung - die sie in ihrem älteren "Still Life N° 1" so fein modelliert hatte.</P><P>"Document 3" gingen Teil 1 und 2 voraus. Vielleicht lässt sich ja nur urteilen, wenn man das gesamte "Laboratorium" gesehen hat.</P><P>Samstag: Xavier LeRoy im i-camp. Sonntag: Thomas Hauert in der Muffathalle. <BR></P>

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