Der Reiz der Vielfalt

- Mit dem Sieg beim Clara-Schumann-Wettbewerb 1994 begann ihre beeindruckende internationale Karriere. Einem breiteren Publikum, vor allem den Kinogängern, mag Anna Gourari aber erst seit der weiblichen Hauptrolle in Werner Herzogs Film "Invincible" ein Begriff sein. Die Pianistin stammt aus dem russischen Kasan, studierte dort an einer Musikschule für Hochbegabte, bevor sie nach München an die Musikhochschule wechselte und sich bei Ludwig Hoffmann und Gitti Pirner weiterbildete. Morgen, 20 Uhr, spielt Anna Gourari im Herkulessaal Werke von Beethoven, Brahms, Hindemith, Clara und Robert Schumann.

<P>Wie kam es zu dieser Programmauswahl?<BR><BR>Gourari: Es ist ein rein deutsches Programm. Ich fand es spannend, die Entwicklung von Beethoven zu Hindemith zu zeigen. Außerdem ist alles in Suiten- oder Variationenform aufgebaut. Ich wollte auch Clara Schumann unbedingt einfließen lassen. Sie geht ein bisschen unter, obwohl sie unglaublich schöne, interessante Werke geschrieben hat.<BR><BR>Müssen Sie auch Erwartungen bedienen? Skrjabin oder Chopin werden ja fast automatisch mit Ihnen in Verbindung gebracht. Oder waren diese Komponisten "nur" eine Phase in der Karriere?<BR><BR>Gourari: Keine Phase, nein. Und wenn, dann dauert sie noch an. Demnächst kommt eine CD mit Skrjabin-Werken heraus. Ich fühle da schon eine emotionale, mentale Verwandtschaft zu diesem Komponisten. Das kann ich nur schwer erklären. Ich kehre auch immer wieder zu bestimmten Komponisten zurück. Oder ich studiere sie erst für mich zu Hause ein, lasse alles reifen, bis ich mich damit vors Publikum wage. Zum Beispiel die späten Beethoven-Sonaten. Mein "Heim-Repertoire" ist viel größer als das meiner Konzerte.<BR><BR>Sie sind in Russland an einer Schule für Hochbegabte ausgebildet worden. Fehlen solche Institute hier?<BR><BR>Gourari: Total. Aber wer soll hier so etwas aufbauen? Es ist absolut notwendig, dass die Kinder früh anfangen, professionell klassische Musik zu üben. Damit meine ich nicht nur das jeweilige Instrument, sondern auch die Allgemeinbildung. Wenn man hier in die Hochschule kommt und damit beginnt, ist es eigentlich zu spät. Es liegt natürlich auch an den Eltern, das Talent frühzeitig zu erkennen und zu fördern. Aber viele können das ja gar nicht einschätzen.<BR><BR>Um Menschen für klassische Musik zu begeistern: Sind dafür auch andere Konzertformen erforderlich?<BR><BR>Gourari: Die Konzertformen sind nicht unbedingt das Entscheidende. Natürlich kann man neue Wege gehen. Das Schlimmste sind manche Leute, die ins Konzert gehen, "weil es sich so gehört". Weil man das Abo erfüllen muss, weil man sich da schick anziehen kann. Das finde ich traurig. Sicher wird klassische Musik immer etwas Elitäres bleiben, etwas, das man nicht einfach popularisieren kann. Allerdings: Die Voraussetzungen, um sie zu verstehen und lieben zu lernen, müssen sich ändern.<BR><BR>Haben Sie das Klavier als Kind manchmal verflucht?<BR><BR>Gourari: Verflucht nie. Ich ging einfach davon aus, dass alle ein Instrument spielen. Ich kannte nichts anderes, meine Eltern sind Pianisten. Allerhöchstens in der Pubertät ist man ein kleiner Rebell, aber das passiert ja jedem.<BR><BR>Worin unterscheidet sich das musikalische Leben in Russland von dem in Deutschland?<BR><BR>Gourari: Da hat sich viel verändert. In Russland musste man früher unbedingt zu Wettbewerben. Jetzt sind alle Grenzen offen, dadurch gleicht sich vieles an. Vom Konzertleben her befindet sich München in einer besonderen Situation, da alle berühmten Künstler hier irgendwann singen oder spielen. Während meiner Studienzeit konnte ich davon unheimlich profitieren.<BR><BR>Hat das Erlernen der deutschen Sprache auch Ihre Interpretation von deutschen Komponisten beeinflusst?<BR><BR>Gourari: Sicher. Ich fand schon in der Schule den Klang der deutschen Sprache unheimlich schön. Überhaupt alle germanische Sprachen, auch das Holländische. Sie können sehr hart wirken, aber auch weich moduliert werden. Diese große Vielfalt reizt mich.<BR><BR>Hören Sie Ihre Aufnahmen selbst gern? Oder fürchten Sie sich vielleicht sogar vor dem Ergebnis?<BR><BR>Gourari: Es kostet mich sehr viel Kraft. Ich bin unglaublich selbstkritisch. Aber wenn etwas gut geworden ist, dann lehne ich mich zurück, dann nimmt es mich mit oder ich wundere mich sogar darüber - auch wenn das jetzt eitel klingen mag.<BR><BR>Welchen Raum nimmt die Musik in Ihrem Tagesablauf ein? Wie lange üben Sie täglich?<BR><BR>Gourari: Das hängt von den Konzerten ab. Die Technik sollte man natürlich schon in der Kindheit entwickeln. Aber jetzt übe ich eigentlich extrem wenig. Ich bin überhaupt dagegen, dass man ständig stundenlang am Klavier sitzt. Ich finde es wichtiger, weniger, aber dies unglaublich konzentriert zu tun. Also lieber weniger, aber dafür umso reflektierender spielen.</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel<BR></P>

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