Religiöse Lebensenergie

Freising - Das Diözesanmuseum auf dem Domberg zeigt "Von Grasser bis Geiger - Münchner Kunst in Freising".

Zuerst waren die Heiligen starre Statthalter des Glaubens auf Erden. Dann wurden sie immer weltlicher, bewegter, realistischer. Bis sie vollends in göttlicher Verzückung abhoben. Als es dann mit der Religiosität des bayerischen Volkes bergab ging, baute man noch einmal auf alte Zeiten und Traditionen.

Um irgendwann, vor gut hundert Jahren, auch den Glauben von traditionellen Formen zu lösen und neue Metaphern des Geistigen zu finden. Diese ganze Entwicklung der Frömmigkeit und der Kunst wird jetzt im Freisinger Diözesanmuseum gezeigt: Mit der Ausstellung "Von Grasser bis Geiger" leistet das Ordinariat seinen Beitrag zum 850. Münchner Stadtjubiläum. Immerhin belegt man damit auch eine 750-jährige enge Verbindung der Städte und einen altbewährten  Kunsttourismus.

Natürlich wirbt Freising auch für seine Museumsschätze: Aus den eigenen Beständen hat man einen ansprechenden Überblick in zwei Räumen geschaffen, daneben laden Neuarrangements in den restlichen Sälen zur Entdeckungsreise ein. Direktorin Sylvia Hahn spannt dabei die Freisinger Klammer von alt bis hypermodern sehr weit und gewagt, und noch heute kann man mit einem gewissen Reichtum punkten, der in der Spätgotik den Münchner Bürgern und Künstler zu einem florierenden, dekorativen Handwerk verhalf.

Ein vergoldetes Exemplar der kunstsinnigen Arbeiter eröffnet den Reigen, den vor allem Erasmus Grasser am Beginn des 16. Jahrhunderts dominierte. Die hageren Gesichter vom Chorgestühl der Münchner Frauenkirche mahnten die reichen Städter zur Kontemplation. Zweiter Star der Kunstszene ist um diese Zeit der Maler Jan Polack, der bei seiner Steinigung des Heiligen Stephanus in derbe und dicht gestaffelte  Erzähllust verfällt.

Nach einer gewissen Übersättigung, vor allem nach der Reformation, erlebte die christliche Kunst einen Einbruch, bis sie von der Renaissance neu belebt wurde. Die Kirche wird nun zur Schau der Perspektivenmalerei: Hans Mielichs Gekreuzigter ragt weit in eine Hommage an Roms Peterskirche hinein.

Langsam kündigt sich barockes Pathos an, das sich an Italien orientiert. Großmeister Cosmas Damian Asam inszeniert sich samt seinen Brüdern mit wallendem roten Gewand, Denkerstirn und Federhut in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Beherrscher der Kunst, blasphemisch fast den Geniekult anheizend. Die nächsten Meilensteine der Münchner Kunst verwandeln das Schwelgerische ins Höfisch-Kapriziöse: Ignaz Günthers Immaculata (um 1760) tänzelt auf der Mondsichel.

Wie farblos und steif wirkt dagegen das 19. Jahrhundert mit König Ludwigs I. Neogotik, recyceltem Rittertum und Strenge. Der Aufbruch in die Moderne stand ja schon an: Spätestens mit Fritz von Uhdes Bibelszenen im aktuellen Alltag wird ein Glaubenswandel deutlich. Sein "Noli me tangere" (1894) mit grellen Schlaglichtern vor einer Häuserzeile hat nichts mit Süßlichkeit zu tun. Der Sprung ins 20. Jahrhundert zu Karl Caspars expressiv-wuchtigen Szenen und zu Jawlenskys fast schon abstrakter, düsterer Kreuzbalken-Meditation (1936) fällt also leicht.

Einen fulminanten Abschluss dieses Parforce-Rittes durch die Kunstgeschichte bietet ein Duo: Johannes Molzhan verbindet um 1950 Geometrie, Farblehre und Technik zu einem kosmischen Glaubensbild. Rupprecht Geiger offeriert ein rot bis pink changierendes Kreuz (1999), das pure Lebensenergie vermittelt.

Bis 4. September,

08161/ 48 790, Buch: 19 Euro.

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