Aug in Aug mit Rembrandt

- Jedes dieser beiden Geburtstagskinder sitzt notgedrungen mit nur einer Hälfte seines Hinterteils auf dem Thron des allerhöchsten Kunst-Heroen. Da die zwei heuer zusammen feiern müssen, wird's eng auf dem Gipfel der Genies. So phänomenal Wolfgang Amadeus Mozart für die Musik ist, so grandios ist Rembrandt Harmensz. van Rijn (1606-1669) für die bildende Kunst. Im Sommer begeht er seinen 400., und allerhand Ausstellungen werden konzipiert. München ist im Besitz exquisiter Werke des Meisters: in der Alten Pinakothek die Gemälde, in der Staatlichen Graphischen Sammlung Arbeiten auf Papier. Sie verwahrt das beinahe vollständige Konvolut der rund 300 Druckgrafiken dieses einzigartigen Malers, der ein mindestens genauso fabelhafter Radierer war.

Diese Tatsache beweist die aktuelle Präsentation der Graphischen Sammlung mühelos. Selbst wer sich immer wieder einmal mit Rembrandt beschäftigt hat, ist hingerissen wie bei der ersten Begegnung. 43 Radierungen, gegliedert in zwölf Kapitel, wurden ausgewählt für den Vitrinen-Raum in der Münchner Pinakothek der Moderne. Eine größere Schau wäre wünschenswert gewesen - obwohl die jetzige einem angenehm viel Muße lässt, sich intensiv den Bildern hinzugeben -, vor allem aber die Zusammenführung von Gemälden und Radierungen. Aber die Graphische Sammlung wollte ihre Identität wahren und nicht von der Alten Pinakothek "geschluckt" werden. So muss der Besucher halt die Straße überqueren, um den "ganzen" Rembrandt erleben zu können.

Bürger und Bettler

Seine Selbstporträts sind legendär, deswegen begrüßen sie auch in der PDM den Staunenden: Sofort ist Rembrandt präsent - und sein unkonventionelles Wesen sowie das souveräne Spiel mit Varianten. Er probiert Rollen aus - der erstaunte Junge (nur Briefmarkengröße), der Großkünstler, der Exoten-Herrscher, der Zeichner. Immer fixiert der Blick, lässt niemals das Gegenüber entgleiten, Aufmerksamkeit wird geschenkt und eingefordert. Das vor allem, wenn Rembrandt seine Blätter mit tiefster Dunkelheit überzieht - bis zur Wahrnehmungsgrenze. Er, der Protestant, gestaltet Maria herzinniglich und den heiligen Hieronymus als höchst sympathischen Philosophen-Schlurf. Er, der herausragende Kunstkenner und -sammler, schaut nicht weg, wenn der Rattengift-Verkäufer (mit verendetem "Anschauungsmaterial") aufkreuzt oder sich auf dem drallen Modell nicht antike Formen, sondern die Streifen der Strumpfbänder abzeichnen.

Mit Auge und Herz erfasst das Genie Bürger und Bettler, Welt, Weidenbaum und Windmühle. Weil seine Hand das Geringe und das Gewaltige mit wundervollem Können (die verschiedenen "Tricks" der Radierung) unnachahmlich menschlich gestaltet, vermag sie auch das Göttliche lebendig werden zu lassen. Feine, heitere Erzählungen sind die beiden "Christus predigt"-Blätter (eines ist das berühmte "Hundertguldenblatt"). Auch die "Ecce Homo"-Varianten - Rembrandt überarbeitete bisweilen radikal die Kupferplatten - sind ebenso wie die hellere Version der "Drei Kreuze" voller Episoden, die den Evangelien ziemlich genau folgen.

Neben den "Berichterstatter" Rembrandt tritt in dieser gewissermaßen seriellen Vorgehensweise der leidenschaftlich Empfindende. Mit seinen "Grablegungen", die die Höllenfinsternis gebären, mit den düsteren, geradezu ins Expressionistische transformierten "Drei Kreuzen" trifft er tief in unsere Seele.

Bis 26.3., Pinakothek der Moderne, Tel. 089/ 23 80 53 60.

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