Rembrandt oder nicht Rembrandt - Ein Krimi ohne Ende

- Berlin - Das Bild "Der Mann mit dem Goldhelm" ist vielleicht das berühmteste Beispiel im "Dauer-Krimi" mit der Frage "Rembrandt oder nicht Rembrandt", aber natürlich längst nicht das einzige.

Die Zahl der Bilder, die eindeutig dem niederländischen Meister (1606- 1669) zugeschrieben werden, schrumpft seit Jahren. Weltweit sind es heute etwa 250. Dass es vor 100 Jahren fast 1000 Bilder gewesen sein sollen, hält der Direktor der Berliner Gemäldegalerie, Bernd Lindemann, mit dem "Goldhelm"-Bild und einer der bedeutendsten Rembrandt-Sammlungen der Welt, für weit übertrieben.

Für Lindemann ist die exakte Zahl auch sekundär, viel wichtiger und interessanter ist für ihn die Frage, wie es in Rembrandts Werkstatt wirklich zugegangen ist. Das soll auch die große Ausstellungs-Trilogie zum Jubiläumsjahr in Berlin vom 4. August bis 5. November zeigen, die Rembrandt als Universalgenie in Malerei, Zeichenkunst und Druckgrafik feiern, aber auch hinterfragen will.

Bei der Bilderanalyse helfen die immer weiter entwickelten Forschungsmethoden mit aufwendigen Röntgenaufnahmen, Infrarotuntersuchungen oder die so genannte Dendrochronologie, die Wissenschaft vom Alter und der Herkunft des Holzes. "Aber eigentlich sind wir in der Kunstwissenschaft hauptsächlich noch immer mit demselben Rüstzeug ausgestattet wie unsere Altvorderen, nämlich mit dem, was wir Stilkritik nennen." Das sei der Reiz aller Geisteswissenschaften, dass sie an einen Punkt gelange, an dem die Grenzen der Objektivierbarkeit erreicht seien.

Spannend ist für Lindemann aber vor allem die Werkstattfrage. "Rembrandt hatte eine außerordentlich lebhafte und lebendige Werkstatt, in die immer wieder zeitgenössische Maler kamen, um Rembrandts Manier, ja, man muss sagen: Manieren, zu lernen", meint Lindemann.

So gibt es vermeintliche Selbstbildnisse Rembrandts, die keine sind, aber seine Signatur tragen, weil sie schon damals auf dem Kunstmarkt mit diesem "Warenzeichen" besser zu verkaufen waren. Auch gab es eine Reihe von hochkarätigen Rembrandt-Schülern wie zum Beispiel Adrian van Ostade (1610-1685), der im Rembrandt-Stil zu malen begann und sich später weiterentwickelte.

Lange Zeit hat man in der Forschung angenommen, dass Rembrandt angefangene Bilder auch immer selbst zu Ende geführt habe, im Gegensatz zum Beispiel zu Rubens (1577-1640). Und umgekehrt: Aus der Rembrandt-Werkstatt gibt es auch Bilder, die von einem Mitarbeiter oder Schüler begonnen wurden und dann von Rembrandt korrigierend verändert beziehungsweise vollendet wurden. Eine andere Überraschung in der Forschung war laut Lindemann die Erkenntnis, dass eine Reihe von Frühwerken, die in so genannter "rauer Manier" gemalt worden sind, anders als zunächst angenommen ebenfalls von Rembrandt stammen, obwohl man von ihm nur die "glatten Farbaufstriche" zu kennen glaubte.

Auch manches Genrebild traute man ihm nicht zu, sah man in Rembrandt doch lange Zeit nur den Historien- und Porträtmaler. So entdeckte man erst vor wenigen Jahren in Dublin nach einer gründlichen Restaurierung das so genannte "Schinkenklopfen"-Bild über ein im 17. Jahrhundert beliebtes Gesellschaftsspiel. Es ist zwar mit "Rembrandt" signiert, dennoch wurde die Echtheit lange Zeit bezweifelt, weil der holländische Maler normalerweise keine Genreszenen aus dem Alltagsleben in Öl malte. Das irische Museum hatte das Bild 1896 für 20 Pfund erworben. Jetzt wurde es als "echter Rembrandt" eingestuft und ist unschätzbar wertvoll.

Umgekehrt lief es mit dem farbenprächtigen "Mann mit dem Goldhelm" in Berlin, der bis vor 20 Jahren als echter Rembrandt bestaunt wurde und neben der Büste der Nofretete eine der Hauptattraktionen der Berliner Museen war. Man schreibt es jetzt dem "Umkreis" Rembrandts zu, ohne den Maler bisher identifiziert zu haben.

Für Galerie-Direktor Lindemann ist das berühmte Bild auch ein Paradebeispiel für den Wahrnehmungswandel im Laufe der Zeiten. "Die Dinge werden in bestimmten Zeiten eben so wahrgenommen, wie man sie sehen will. Das mystische Leuchten des Goldes auf dem Helm und die zahlreichen Legenden um das Bild machten die Leute besoffen." Dabei habe das Bild "erstaunliche Schwächen" in handwerklichen Details, "was in unserem gedämpften Galerielicht und auch in den meisten Reproduktionen nicht sichtbar wird".

"Von mir aus können alle Rembrandts in der Diskussion sein, das ist mir eigentlich egal. Aber der Streit und die Neuentdeckungen sind spannend", sagt Lindemann. Er kann sich in Sachen Rembrandt allerdings entspannt zurücklehnen: Sein Bestand von 16 Gemälden Rembrandts und zehn aus dessen Umkreis füllt noch immer zwei große Säle seiner Gemäldegalerie und lädt die Besucher ein, alle Facetten der Rembrandt'schen Malerei von den allerersten Arbeiten bis hin zum Spätwerk zu studieren.

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