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Auf einen Totenschädel werden die Gesichter der Schauspieler projiziert; hier das von Katja Bürkle.

René Polleschs „Eure ganz großen Themen sind weg“

München - Soll noch einer sagen, dass sich René Pollesch nicht weiterentwickelt. In seinen Anfängen nahm der Berliner Autor-Regisseur mit analytischer Pose das Theater als verstaubte Kunstform auseinander.

Aber inzwischen hat sich aus seinen wie am Fließband produzierten Demontage-Shows selbst ein „kultiger“ Theater-Stil kristallisiert. Und allmählich scheint diese schräge Mischung aus soziologischem Frontalunterricht und überdrehter Seifenopern-Parodie in einen gut geölten Manierismus des Anti-Theaters abzuschmieren, der sogar kulinarische Züge aufweist.

Zu erleben war das jetzt bei der Uraufführung des jüngsten Pollesch-Projekts an den Münchner Kammerspielen. „Eure ganz großen Themen sind weg“ heißt diese marxistisch imprägnierte Diskurs-Performance, in der wir darüber belehrt werden, dass Liebe, Leben und Tod für die entfremdeten Massen von heute keine „großen Themen“ mehr sind, weil sie „keinen Gebrauchswert“ mehr haben. Wahrscheinlich wird deshalb ständig von Liebe, Leben, Tod geredet auf der Bühne, in deren Mitte ein riesiger, begehbarer Totenschädel prangt und dem Publikum eine rote Glitzerzunge rausstreckt.

Die Besetzung

Regie: René Pollesch.

Live-Video: Ute Schall.

Bühne: Bert Neumann.

Kostüme: Tabea Braun.

Licht: Rainer Casper.

Darsteller: Franz Beil, Katja

Bürkle, Benny Claessens,

Çigdem Teke.

Keine Frage, hier sind wir in der Geisterbahn des Kapitalismus gelandet, darum zeigt der Bühnenprospekt auch eine trostlose Großstadtbrache mit Hochhaustürmen nebst Polizeiauto. Und aus diesem Setting prasseln in Endlosschleifen theorielastige Sätze auf die Zuschauer herab: „Gebrauchswerte entstehen nunmal nur aus der Umwälzung des sie zerstörenden gesellschaftlichen Verhältnisses“, heißt es da etwa. Oder auch: „Der Körper kann sich nicht anhäufen, aber er ist in die Produktion von Mehrwert verstrickt.“ Genau, das musste endlich mal gesagt werden!

Natürlich kommt kein Mensch mehr mit bei diesem Stakkato aus teils bedenkenswerten, teils völlig durchgeknallten Seminar-Weisheiten. Aber das ist auch nicht nötig, denn zum einen mutieren sie, kaum ausgesprochen, selbst sofort zum „Konsensgeschwafel“, weil es halt kein richtiges Theater im falschen gibt. Zum anderen soll das Sperrfeuer aus Diskurs-Granaten jede „Bedeutung“ ohnehin sabotieren, denn „die Produktion von Sinn verwirft ja andauernd den Gebrauch zum Nutzen des Tauschwertes“. Wie wahr!

Mit diesem absurd orgelnden Mehrwert-Oratorium driftet Pollesch diesmal also endgültig in eine Art marxistische Mystik des Paradoxen hinein, kräftig unterstützt von Franz Beil, Katja Bürkle, Benny Claessens und Çigdem Teke – teils wirklich guten Schauspielern, die betont schlechte Schauspieler spielen, Samurai-Schwerter schwingen, auf Kissenberge hopsen und was dergleichen hyperaktive Kindergarten-Scherze mehr sind. Das wirkt eine halbe Stunde lang witzig, anregend, ja sogar packend. Wenn etwa die Gesichter der Akteure per Video live auf den Totenschädel projiziert werden, während sie ihre Monologe halten, entstehen anrührende Vanitas-Ikonen. Aber eineinhalb Stunden dieser krypto-religiösen Gaga-Revue ertragen nur eisenharte Pollesch-Jünger, die das Theater als Exerzitienhaus betrachten.

Nicht umsonst steigt einmal sogar weißer Rauch auf aus dem Kamin des bewohnbaren Totenschädels...

Alexander Altmann

Nächste Aufführungen am 16., 22., 28. April, 20., 30. Mai; Karten unter der Telefonnummer 089/233 966 00.

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