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Das Bild gehört zu dem Gedicht „Das Doktor-Knochensplitter-Spiel“ von Joachim Ringelnatz.

60 Jahre internationale Jugendbibliothek

"Renaissance der Kinderlyrik"

München - Die Jubiläums-Ausstellung im Schloss Blutenburg zeigt illustrierte Gedichte aus aller Welt für junge Leser.

Der kleine Mann mit den roten Backen und dem Pfannkuchengesicht kennt da nichts. Er stellt sich aufs Hausdach – und pinkelt erstmal auf die Katze, das blöde Viech. Die Katze wirft die Tatzen in die Höhe, reißt das Maul auf, schreit. Es ist wohl das Schicksal einer Katze, Opfer solcher Bubenscherze zu werden. Aber halt: Die Katze braucht sich gar nicht fürchten, nass wird sie auch nicht, denn das Pfannkuchengesicht pinkelt Buchstaben, Wörter, ganze Sätze, französische Sätze. Wer recht hinschaut, erkennt: Pfannkuchengesicht pieselt ein Gedicht. „An einem Regentag mach’ ich Pipi, an einem Feiertag mach’ ich Siesta“, heißt ein Ausschnitt davon übersetzt.

Die Katze und der Bub sind Teil der neuen Ausstellung „Gedichte, Poems, Básn(e), Sh“ in der Internationalen Jugendbibliothek im Schloss Blutenburg in Pasing. Gezeigt werden aufwändig illustrierte Kinderbuchseiten aus der Mongolei, England, Frankreich, dem Iran, Deutschland und vielen anderen Ländern, insgesamt über hundert Stücke.

„Es gibt eine Renaissance der Kinderlyrik“, sagt Jochen Weber, Leiter der Lektorate in der Jugendbibliothek, die heuer 60-jähriges Jubiläum feiert. Vor allem in Deutschland entdecken die Verlage Kinderbücher mit Gedichten von Jandl, Busch oder Ringelnatz. „Lyrik hat in der Buchhandlung oftmals keinen Platz mehr“, sagt Weber, in Kombination mit einem Bilderbuch jedoch schon.

Die Menschen entdecken die Tradition wieder. „Ein Bildungsboom“, sagt Weber. Eltern sind bereit, für ein solches, kleines Kunstwerk einige Euros zu investieren, 20 Euro kann ein Buch schon mal kosten.

Wer sich einen Überblick verschaffen will, wie originell, wie witzig, wie extravagant illustrierte Kinderlyrik sein kann, sollte ins Schloss Blutenburg gehen, wo noch bis Monatsende persische Schönheiten geheimnisvoll umherschauen, griesgrämige Hooligans ihr Schicksal klagen und beschwipste Möpse Kopfstand machen.

Der Clou der Ausstellung ist das Angebot für Schulklassen: Erst gibt es einen geführten Rundgang durch die Ausstellung, danach geht’s ins Malstudio, wo die Kinder selbst zum Pinsel greifen – und unter Anleitung des Museumspersonals zum Illustrator ihres Lieblingsgedichts werden (Anmeldung unter Telefon 089/89 12 11 0 erforderlich).

Von Stefan Sessler

Bis 28. Juli,

Dienstag bis Sonntag,
14 bis 17 Uhr.
Der Eintritt ist frei.

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