Rendezvous mit Nora

- Laut lesen, Inhalt klären, Struktur analysieren, mit dem erlangten Wissen von Neuem lesen - das ist Jörg W. Rademachers Tipp, wie man sich dem Werk James Joyces nähert, ohne entnervt und überfordert aufzugeben. Ähnliches verlangt seine Biografie: Die häufig lückenhaften Darstellungen seines unsteten und komplizierten Lebenswandels müsste man abwechselnd und einander ergänzend lesen, um einen ungefähren Eindruck vom Wesen dieses großen irischen Schriftstellers zu bekommen.

<P>Doch die Flut der biografisch motivierten Abhandlungen ist gewaltig. Stellvertretend ließen sich zwei sehr gegensätzliche Biografien lesen, die anlässlich des heutigen 100. "Bloomsday" erschienen sind, anlässlich jenes 16. Juni 1904 also, welchen die Hauptfigur Leopold Bloom im über 1000-seitigen Roman "Ulysses" erlebt. Dass zu diesem Jubiläum derartige Bücher erscheinen, hat durchaus seinen Grund: Am 16. Juni 1904 hatte Joyce in Dublin sein erstes Rendezvous mit dem Zimmermädchen Nora Barnacle, seiner späteren Frau. Ein bedeutungsvolles Datum, wenn man liest, wie wichtig Nora für das Überleben des ausschweifenden Dichters geworden ist.<BR><BR>Edna O'Brien, selbst renommierte irische Autorin, beschreibt das in ihrem Joyce-Lesebuch. O'Brien schert sich wenig um Wissenschaftlichkeit und das Belegen von Zitaten. Dafür liest sich ihre assoziative, plaudernde Darstellung wie ein Abenteuerroman. Dort, wo sie sich in eine verkünstelte Ausdrucksweise versteigt, wird sie allerdings von der Übersetzung im Stich gelassen, die ihre Wortspielereien und Gedankensprünge nicht immer schlüssig nachbildet.<BR><BR>Ganz anders Jörg W. Rademacher in seinem "James Joyce" aus der "Sicht deutschsprachiger Kulturen": Er unterteilt sein akribisches Buch säuberlich in chronologische Abschnitte und wechselt, wo es sich empfiehlt, die Strategie. Etwa, indem er tagebuchartig Korrespondenzen zusammenfasst. Mit seinen Querverweisen auch zum Beginn der Rezeption von Joyces Werk ist Rademachers Buch besonders nützlich für Literaturwissenschaftler.</P><P>Edna O'Brien: "James Joyce". <BR>Aus dem Englischen von Holger Fließbach unter Mitarbeit von Christoph Nettersheim. <BR>Claassen Verlag, München<BR>256 Seiten<BR>12 Euro.<BR><BR>Jörg W. Rademacher: "James Joyce".<BR>dtv, München<BR>357 Seiten<BR>15 Euro.<BR></P>

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