René Jacobs
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René Jacobs hat gerade eine singuläre Einspielung der Missa Solemnis vorgelegt.

Interview zur Neuaufnahme von Beethovens Opus summum

René Jacobs über Beethovens Missa Solemnis: Verzweifelte Gottsuche

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Das Beethoven-Jahr geht weiter. Einmal, weil man 2020, zum 250. Geburtstag des Meisters, ihn live kaum feiern konnte. Und weil immer wieder überragende Einspielungen erscheinen wie zum Beispiel die Missa Solemnis, dirigiert von René Jacobs (bei harmonia mundi). Ein Gespräch mit einem der wichtigsten, spitzfindigsten Dirigenten und Quellenforscher über einen religiös gespaltenen Komponisten und dessen verzweifelte Gottsuche.

Ist Beethoven ein rücksichtsloser Komponist?

Das kann man wohl sagen. Aber das ist er auch sich selbst gegenüber. Er macht es den Ausführenden wirklich schwer, denken Sie nur an die Sopranistinnen in der Missa Solemnis, die in extremen Höhen singen müssen. Beethoven ging auch für sich an Grenzen, an kompositorische, man betrachte dazu die Fuge am Ende des Credo. Die reicht schon sehr weit über das damals kompositorisch Übliche hinaus.

Muss man auch hören, dass es schwer ist? Ist wie bei seiner „Großen Fuge“ für Streichquartett der Materialverschleiß einkomponiert?

Man muss bei der Missa Solemnis hören können, dass es symbolisch gesehen sehr schwer bis unmöglich ist, Gott nahe zu kommen. Zugleich muss man interpretatorisch vorsichtig sein. Es sollte zum Beispiel nicht auf ungesunde Weise deutlich werden, dass die Sopranistinnen forcieren. Sie müssen schon die Technik und die Coolness für dieses Werk mitbringen. Uns half dabei die Aufstellung. Wie damals üblich postierten wir den Chor nicht hinter dem Orchester, sondern seitlich davon in zwei Hälften. Das heißt, die Sängerinnen und Sänger mussten nicht über die Instrumente hinwegschreien. Meine erste Missa Solemnis habe ich mit zwölf gehört, in einer Riesenbesetzung, es wurde nur gebrüllt.

War Beethoven gläubig? Oder war Gott für ihn unerreichbar? In der neunten Symphonie vertonte er ja Schillers Worte „Über Sternen muss er wohnen“. Das zeugt von Zweifel.

Er war nicht blind gläubig und folgte keinem Dogma. Aber er hat Gott gesucht. In der neunten Symphonie konnte er das leichter thematisieren, weil das keine geistliche Musik ist. Da war er nicht an einen geistlich-dogmatischen Text wie den der Messe gebunden. Die Missa Solemnis ist ein total verzweifelter Versuch, Gott zu finden. Beethoven ist schon ein religiöser Komponist. Aber „religiös“ kommt vom lateinischen „religare“, also von „verbinden“. Es geht um die Bindung zwischen dem Menschen und einem höheren Wesen. Wenn Beethoven über dieses schreibt, benutzt er interessanterweise nicht das Wort „Gott“, sondern „Gottheit“. Und damit ist er nicht allein in dieser Zeit, auch Mozart und Haydn dachten so. Gott ist überall, in der ganzen Schöpfung.

Es fällt auf, dass im Credo der Missa Solemnis das Wort „Credo“, also „ich glaube“, extrem häufig vorkommt. Ist das eine Bekräftigung? Oder ein Dokument der Unsicherheit, weil man es immer wieder betonen muss?

Der berühmte Glaubensartikel im Credo mit der Formulierung „Credo in unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam“ war damals nicht nur für Beethoven, sondern auch für andere Komponisten eine Art Zumutung. Sie wollten sich diesem Dogma nicht anschließen, wobei hier gar nicht die „heilige katholische Kirche“ gemeint ist. Das zugrunde liegende griechische Wort „catolicos“ bedeutet „weltweit“. Das ist fast noch extremer: Einer einzigen, weltweiten, umfassenden Kirche standen Komponisten wie Beethoven erst recht skeptisch gegenüber. Er wählte für den Satz eine besondere kompositorische Lösung. Die Hälfte des Chores singt die Stelle insistierend auf einem Ton, das ist ein Symbol für Fanatismus. Die anderen singen dazu ständig „Credo, credo, credo“, eine eigenwillige, merkwürdige Kombination.

Die Missa Solemnis scheint nicht richtig anzufangen, sie beginnt auf einem unbetonten Akkord. Auch später gibt es oft Verschleierungen eines klaren rhythmischen Gerüsts. Sollen dadurch ebenfalls Zweifel deutlich werden? Ist das ein auskomponiertes Schwanken?

Ja. Das ist übrigens sehr schwierig für die Ausführenden. Und als uneingeweihter Zuhörer weiß man oft nicht, wo die Eins eines Taktes ist. Das kommt zum Beispiel vor bei „Patrem omnipotentem“, beim „allmächtigen Gott“. Dazu schreibt er eine schreckliche Dissonanz und das einzige dreifache Forte im Stück. Beethoven fragt also: Wer oder was ist der Allmächtige? Und er sagt uns: Das können wir nicht begreifen. Sehr, sehr vieles in der Missa Solemnis ist symbolisch. Das macht es auch für das Publikum nicht einfach.

Aber ist es nicht gefährlich, zu viel Symbolik herauszulesen? Vielleicht passierte vieles aus musikalischen Gründen. Nehmen wir Schubert, der in seiner Es-Dur-Messe im „Et incarnatus est“ bei der Geburt des Erlösers einen seiner schönsten Melodie-Einfälle verwendete – um diesen nach Kreuzigung und Begräbnis nochmals zu bringen. Jesus wird hier also zweimal geboren...

Bei Schubert mag das stimmen, bei Beethoven gibt es dagegen tatsächlich diese riesige Fülle an Symbolik. Und es muss auch so sein, alles ist eigentlich zu viel, eben weil die Gottsuche so komplex und diffizil ist. Man kann die Missa Solemnis auch nie perfekt interpretieren. Wir haben sie einige Male aufgeführt, und jedes Konzert bedeutete eine gewisse Gefahr. Jedes Mal gab es nur eine Annäherung. Insofern bedauere ich es auch, dass ich mich jetzt erst mit dem Werk beschäftigt habe.

Beethoven ergänzt den Messetext um eine einzige Silbe, um ein Aufseufzen: „Ah, miserere nobis“ - „Ach, erbarme dich unser“. Sie betonen das in Ihrer Interpretation sogar noch. Bricht hier die Oper in die Messe ein?

Beethoven schrieb, dass der Messetext für ihn zu objektiv war. Er wollte also Subjektivität, die Haltung des Individuums durch ein fast schockierendes „Ach“ hineinbringen. Man darf das nicht übersingen, es muss wirklich deutlich herauskommen. Es gibt noch eine ähnliche Stelle im Agnus Dei, bei dieser Kriegsmusik, wenn alle in Angst auszubrechen scheinen. Das ist der vielleicht opernhafteste Moment der Messe. Der Gegenpol ist dazu das tänzerische „Dona nobis pacem“ - „Herr, gib uns Frieden“, das am Ende wiederkehrt. Das erinnert mich an den Schluss der „Zauberflöte“, wo ein Himmelreich auf Erden beschworen wird. Es geht in der Missa Solemnis schon um den Krieg, um einen politischen sogar. Der wird immer da sein, sagt Beethoven. Er meint aber auch: Lass es uns trotzdem versuchen, ein Himmelreich bei uns zu stiften.

Wie frustrierend ist es, dieses Werk vor einem Publikum aufzuführen, dem solche Glaubensinhalte fast nichts mehr sagen, geschweige denn die vielen einkomponierten Symbole?

Das ist sehr schwierig, auch für die Ausführenden. Es gibt oft nur ein sehr oberflächliches Wissen. Und das betrifft ja auch jede Bach-Kantate und andere geistliche Werke. Ich probe gerade für das Stabat Mater von Haydn und möchte eigentlich den Solisten jedes Wort erklären. Da muss man sehr diplomatisch sein. Man darf nicht klingen wie ein Schulmeister. Ich stehe jedenfalls nicht auf der Seite der Priester, die oft ihrer Gemeinde sagen: Man muss das alles nicht bis ins Detail verstehen, alles ist schließlich ein Mysterium.

Abgesehen davon werden doch in der katholischen Kirche durch Litaneien, durch die Wiederholungen von Texten auch Inhalte entwertet.

Das stimmt natürlich. Das gibt es auch in islamischen Religionsschulen. Man kann alles auswendig, aber man reflektiert es nicht. Auch Beethoven fand das negativ. Er hasste Priester – wie Mozart. Und er interessierte sich für andere Religionen. Abgesehen davon hat er die Missa Solemnis nicht für den liturgischen Gebrauch komponiert, sonst hätte er womöglich auch Probleme mit der Kirche bekommen.

Sorgt das Beethoven-Jahr für eine Neubewertung des Komponisten? Oder bleibt es nur beim Abspielen des immer gleichen Repertoires ohne neue Erkenntnisse?

Man muss sich immer auch mit den Werken intensiv beschäftigen, die sehr oft gespielt werden. Das setzt voraus, dass man stets erneut in die Tiefe geht. Das Ideal wäre, dass diese Musik auch für denjenigen neu klingt, der sie zum x-ten Mal hört. Die Gefahr ist aber, dass man etwas anders macht um seiner selbst willen. Man sollte immer ehrlich bleiben. Ein Vorteil dieses so schwierigen Jahres war, dass ich Zeit hatte, noch mehr Musik zu hören und zu studieren. Ich konnte zum Beispiel von Beethovens letzten Streichquartetten nie genug kriegen. Und ich konnte mich besser auf Musik vorbereiten, die für mich kein Geheimnis zu haben schien. Die Berliner Staatsoper möchte mich zum Beispiel im nächsten Jahr für eine Vivaldi-Oper haben. Der war nie mein Opernlieblingskomponist. Ihm konnte ich mich nun intensiv nähern. Ich habe mich auch nur zum Vergnügen mit Bizets „Carmen“ beschäftigt, deren Partitur nun in ihrer Urform herausgegeben wurde. Ursprünglich gab es in diesem Werk keine „Habanera“. Das dürfte ziemlich enttäuschend für viele Opernfans sein.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Ludwig van Beethoven:
Missa Solemnis. Rias-Kammerchor, Freiburger Barockorchester, René Jacobs (harmonia mundi).

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