Rennpferde auf der Opernbahn - Vera Nemirova inszeniert Glucks "Die Pilger von Mekka"

München - Christoph Willibald Glucks "Pilger von Mekka" sind völlig durch den Rost des Opernrepertoires gefallen. Dabei handelt es sich um einen Vertreter der damals populären "Türkenopern".

Die Bayerische Theaterakademie hat das Stück ausgegraben, ihm neue Dialoge verpasst und für die Produktion eine hoch gehandelte Regisseurin verpflichtet: Vera Nemirova, die aus dem bulgarischen Sofia stammt, in Berlin studierte, schon an der dortigen Deutschen Oper, in Wien oder Dresden arbeitete und bald im Frankfurt Wagners "Ring" herausbringt. Premiere ist am morgigen Samstag im Münchner Prinzregententheater, Alexander Liebreich dirigiert sein Münchener Kammerorchester.

Entstand die Idee der neuen Dialoge vorher - oder erst in der Begegnung mit den jungen Sängern?

Es war von Anfang an klar, dass wir die Texte neu schreiben müsssen. Der improvisatorische Ansatz hat sich dann auf den Proben herauskristallisiert. Die Studenten wurden damit konfrontiert, dass viel von ihnen kommen muss. Ihr Potenzial ist toll. Alle sind aufgeschlossen und total experimentierfreudig.

Musste man Glucks Stück also helfen, damit es funktioniert?

Man musste den Text der Musik gleichwertig machen. Die Fabel ist ja gut: Zwei Männer gehen auf die Suche nach der Geliebten des einen, die in einem Serail beziehungsweise bei uns in einem Bordell gelandet ist. Wir haben das den aktuellen Verhältnissen angepasst bis hin zum Menschenhandel. Dennoch ist es eine Buffa, in der es schlicht um Beziehungsprobleme geht: Alles wird durch die komische Brille gesehen und damit gebrochen.

In der Musik tauchen "türkische" Exotismen auf. Welche Rolle spielt diese Verortung der Handlung?

Naja. Rezia bittet schließlich Gott Amor um Hilfe - der passt da irgendwie nicht hinein. Eigentlich handelt es sich um unsere Kultur, die hier gefärbt wird. Ferne wird nur vorgegeben, um uns Alltägliches bewusster zu machen. Ich sehe die "Pilger" als eine Art Vorläufer der Offenbach-Operette.

Fühlt man sich freier bei einem Stück, das keiner kennt?

Wenige Menschen werden in einem solchen Fall den Verdienst des Produktionsteams erkennen. Wir haben ja auch in die Musikdramaturgie eingegriffen und die Nummern umgestellt. Andererseits: Entscheidend ist immer der gute Theaterabend, der für alle gleichermaßen spannend ist.

Sie haben mittlerweile an sehr prominenten Häusern inszeniert. Wie stark muss man Sängern heutzutage überhaupt helfen als Regisseur?

Es gibt eine unglaubliche Entwicklung hin zum Sängerdarsteller. Was übrigens auch von den Ausbildungsinstituten gefördert wird. Bis jetzt habe ich fast nie Leute erlebt, die blocken. Die Zeit der Sänger-Dressur ist vorbei. Der Regisseur wird zwar verbindlicher Ideengeber bleiben, aber immer mehr zum Kanalisierer des Spiels, zu einem Freund und Dialogpartner. Auch das Berufsbild des Regisseurs verändert sich also.

Andererseits werden Ideen und Konzepte ja immer wichtiger. Damit wird der Regisseur folglich immer stärker.

Schon. Ich habe aber das Gefühl, dass sich die Bereitschaft bei Sängern ändert. Es passiert mehr von innen heraus. Es kommt also immer mehr zu einem Dialog auf Augenhöhe. Übrigens auch mit den Dirigenten. Ich habe da gerade eine wunderbare Zusammenarbeit mit Seiji Ozawa in der Wiener "Pique Dame" erlebt.

Sie hatten dort enorm selbstbewusste Sänger wie Neil Shicoff und Anja Silja. Wie geht man mit ihnen um?

Die erste Probe ist eine Herausforderung. Aber wenn man sie einmal gewonnen hat... Es sind eben Rennpferde auf der Opernbahn, tolle Künstlerpersönlichkeiten. Eine spannende Zeit ist also garantiert.

Wo sind Ihre Grenzen als Regisseurin? Was würden Sie nie zeigen?

Plakative Dinge, die wirklich unter der Gürtellinie sind. Exzessive Gewaltszenen, die nur um der Provokation willen passieren und denen man diesen Vorsatz auch noch ansieht. Alles muss immer mit dem Inhalt zu tun haben und die Person motivieren.

Ihr Name wird gern in Verbindung gebracht mit Ihren Lehrern Peter Konwitschny und Ruth Berghaus. Ist das auch ein Problem?

Am Anfang war das sehr wichtig. Aber mittlerweile finde ich immer mehr zu meiner eigenen Handschrift, sodass sich die Freude sehr in Grenzen hält, wenn quasi als Namenszusatz immer gleich "Konwitschnys Meisterschülerin" steht. Ich bin doch schon sehr anders geworden.

Wird es Ihnen angesichts des rasanten Karrierestarts und des vollen Terminkalenders schwindlig?

Ein wenig. Ich muss auch sehen, dass ich mir Auszeiten gönne. Es geht an die Kräfte - und zehrt am Ideenvorrat.

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