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Zwei Paare, eine Nacht, jede Menge Brutalität – doch am Ende siegt die Liebe. Szene aus „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ mit (v. li.) Johannes Zirner (Nick), Bibiana Beglau (Martha), Norman Hacker (George) und Nora Buzalka (Honey).

Premierenkritik

Nur die Liebe zählt

München - Intendant Martin Kušej sezierte zum Spielzeitauftakt am Münchner Residenztheater „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“. Die Premierenkritik:

Beinahe so weiß wie die Wand, vor der sie auftreten, sind auch die Biografien von Martha und George. Kinder kann sich das Paar keine schenken; Zukunft findet also nicht statt. Doch Regisseur Martin Kušej verweigert auch darüber hinaus in seiner Interpretation von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ Edward Albees Figuren jede konkrete Verortung: Das Haus, in dem Martha und George ihre nächtlichen Gäste Nick und Honey begrüßen, gibt es nicht. Die weiße Wand, von Kušejs Ausstatterin Jessica Rockstroh nah an die Rampe des Münchner Residenztheaters gebaut, begrenzt jenen schmalen Laufsteg des Lebens, den die Menschen zu bespielen haben. Einzig die vielen Glasscherben davor zeugen davon, dass alles, was folgt, schon dagewesen sein muss.

Die Gesellschaftskritik des US-amerikanischen Autors, Jahrgang 1928, interessiert Kušej nicht – und nur am Rande schaut er darauf, wie die Paare sich mühen, um im Abhängigkeitsgeflecht eines kleinen Colleges nicht zu stolpern. Die Figuren in Albees 1962 uraufgeführtem Erfolgsstück, der Mutter aller Eheschlachten auf dem Theater, sind in dieser Inszenierung ganz gefangen im Augenblick ihrer kleinen, jämmerlichen Existenz. Nichts haben Martha und George – außer einander.

Kušejs zweistündige, pausenlose Inszenierung, die zur Eröffnung der neuen Spielzeit am Residenztheater am Donnerstag Premiere hatte, blickt nicht nur auf dieses Paar und dessen Ehekrieg voller Demütigungen. Unterbrochen vom harschen Auf- und Abblenden des Lichts seziert Kušej konzentriert diese eine Beziehung, um Allgemeines zu erfahren: Seht sie euch an, diese lächerlichen Menschen. Aber auch, immer tiefer schürfend: Seht her, was für eine starke, wahrhaftige Liebe!

Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, schickt Edward Albee seine Charaktere durch Fegefeuer und Höllenkreise. So kühl und abgeklärt sein Blick als Regisseur auf das Geschehen sein mag, so leidenschaftlich lässt Kušej seine Schauspieler diesen Weg beschreiten. Der permanente Wechsel von hochtourigem Spiel und abrupter Unterbrechung gibt dem Abend eine eigene Dramaturgie. „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ ist ein Fest für jeden guten Darsteller – die vier auf der Bühne feiern es genussvoll, virtuos. Da wird gesoffen und gestritten, geheult und geschlagen, geschrien, gekreischt und gekotzt. Bibiana Beglau, Norman Hacker, Johannes Zirner und die neu ins Ensemble gekommene Nora Buzalka stürzen lustvoll in den alkoholbefeuerten Krieg ihrer Figuren – und beherrschen doch auch die stillen Töne. Da gibt es etwa jenen Moment, als George und Martha miteinander vereinbaren, die nächste Eskalationsstufe ihres Gegeneinanders zu zünden; liebevoll wispert Hacker vom „totalen Krieg“ und haucht Beglau einen zarten Kuss auf die Wange.

Später lässt die „Schauspielerin des Jahres“ in einer anrührenden Szene Martha erklären, wie sehr sie George liebt. Jenen Mann, „der mich nachts warm hält, wofür ich ihn blutig beiße. Der mich glücklich machen könnte, was ich nicht sein kann – und doch so gerne möchte.“ Als hilfloses Häufchen Elend sitzt die Beglau da am rechten Bühnenrand. Ein Häufchen Elend freilich, das sekundenschnell erneut zum vernichtenden Vulkan wird. Die Hölle, zeigt diese Inszenierung, das mögen die anderen sein. Die Monster aber, das sind wir selbst.

Am Ende sind Gift, Galle und Geilheit zusammen mit all den Gläsern und Flaschen auf den Scherbenteppich vor der Bühne gewischt. George hat endlich die Lebenslügen der beiden Paare exorziert, hat sich und Martha von der Trauer und vom Schmerz der Kinderlosigkeit befreit. Zumindest für einen kurzen Augenblick scheint es möglich, dass die Liebe siegt. Erschöpft und behutsam nehmen sich Beglau und Hacker an der Hand. Hoffnung! Hoffnung?

Großer Applaus, Bravo-Rufe.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

an diesem Samstag sowie am 7., 11., 17. und 23. Oktober; Telefon 089/ 2185 1940.

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