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Die glorreichen Fünf (v. li.): Maria Milisavljević, Susanna Fournier, Zainabu Jallo, Santiago Sanguinetti und Pat To Yan vor dem Marstall, wo im Rahmen der „Welt/Bühne“ ihre Stücke uraufgeführt werden.

Interview mit Chefdramaturg Sebastian Huber zum Autoren-Projekt „Welt/Bühne“

Das Residenztheater bietet der Welt eine Bühne

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Die Welt zu Gast bei Freunden: An diesem Wochenende hat „Welt/Bühne“ Premiere im Marstall. Wir sprachen über das internationale Autoren-Projekt mit Sebastian Huber, Chefdramaturg und stellvertretender Intendant des Münchner Residenztheaters.

Das Residenztheater hat zusammen mit dem Goethe-Institut, der Bayerischen Theaterakademie, den Theaterwissenschaftlern der Münchner Uni und dem Verein „Freunde des Residenztheaters“ Schriftsteller aus Kanada, Hongkong, Nigeria, Uruguay und Deutschland eingeladen, um Stücke für München zu entwickeln. Sebastian Huber, Chefdramaturg und stellvertretender Intendant, erzählt in unserem Gespräch, worum es bei diesem Projekt ging.

Ich habe Ihnen ein Zitat mitgebracht: „Wer nur von sich selbst spricht und auch anderen nur zubilligt, von sich selbst zu sprechen, wird nie etwas erfahren.“

Sebastian Huber: Ich erinnere mich.(Lacht.)

Der Satz steht in Ihrem Text für das Spielzeitheft der Saison 2018/ 19. Er könnte aber auch das Motto für das Projekt „Welt/Bühne“ sein.

Huber: Da haben Sie völlig Recht. Zwar ist es das Heft für die kommende Spielzeit, und die „Welt/Bühne“ findet jetzt statt. Aber der Satz drückt sehr gut aus, worum es in diesem Projekt geht.

Inwiefern?

Huber: Wir haben uns mit fünf Autoren in Verbindung gesetzt, die zunächst einmal aus großer Entfernung zu sprechen scheinen. Mit der Erwartung, etwas von ihnen zu erfahren, ist natürlich immer auch die Hoffnung verbunden, etwas Neues an sich selbst zu erkennen. Außerdem hatten wir das Bedürfnis, uns selbst bei der Nase zu fassen und zu fragen: Mit welchen Texten arbeiten wir im Theater eigentlich in der Regel? Was sind unsere Beschränkungen?

Ihre Autoren kommen aus Nigeria, aus Uruguay, aus Hongkong und aus Kanada. Texte aus diesen Regionen finden sich selten auf deutschen Spielplänen.

Huber: Man kann sich einerseits geißeln für Untätigkeit und Borniertheit internationaler Dramatik gegenüber – andererseits ist deren Zugänglichkeit eben auch nicht immer ganz einfach herzustellen. Das kann sehr aufwendig sein. Deswegen war „Welt/Bühne“ in der vergangenen Spielzeit in der Hauptsache auf Übersetzungen existierender Stücke ausgerichtet. Insgesamt ist das Projekt zwar nur ein kleiner Teil unseres Spielplans. Aber für uns ist das ein unheimlich wichtiger Schritt.

Der „Marstallplan“ hatte den Fokus zuletzt auf die Regie-Assistenten gelegt, die sich als Regisseure ausprobieren konnten. Wie kam es, dass Sie die Aufmerksamkeit nun auf die Autoren gerichtet haben?

Huber: Die Texte werden auch in diesem Jahr von unseren Assistenten und anderen jungen Teams inszeniert. Diese arbeiten seit dem zweiten Workshop intensiv mit den Autoren zusammen. Nachdem „Welt/Bühne“ im ersten Jahr eine Reihe von szenischen Lesungen war, haben wir im zweiten Schritt gesagt: Wir radikalisieren das jetzt und wollen mit den Autoren tatsächlich bis zur Aufführung arbeiten.

Wie haben Sie Ihre fünf Autoren gefunden?

Huber: Wir haben mit Experten für die jeweiligen Erdteile zusammengearbeitet, zum Teil kamen sie vom Goethe-Institut, Professor Christopher Balme von der Theaterwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität hat sich sehr engagiert, aber auch Kollegen wie Christoph Lepschy. Sie haben uns Vorschläge gemacht, aus denen wir in der Dramaturgie des Residenztheaters eine Auswahl getroffen haben.

Wie sah der Arbeitsprozess aus?

Huber: Wir haben zwei Workshops gemacht und darauf verzichtet, den Autoren ein Motto vorzugeben, etwa „Wir wollen, dass ihr alle über Klimaerwärmung schreibt“. Wir haben sie nur aufgefordert, eine Idee mitzubringen. Womit sie ankamen, war sehr unterschiedlich im Grad der Entwicklung. Wir haben uns erzählen lassen, wo sie herkommen, wie sie arbeiten und wie sie Theater verstehen. Das führt uns zurück zum Zitat vom Beginn unseres Gesprächs. Es war erstaunlich, wie rasch zwischen den Fünfen eine Idee entstanden ist, was sie gemeinsam machen könnten – unter der Vorgabe, dass sie wieder nach Hause fahren und alleine schreiben.

Die Sprache des Theaters ist eben international...

Huber: Das ist überraschend – und auch nicht. Natürlich merkt man, dass sich Leute aus unterschiedlichen Weltgegenden auf einen bestimmten Kanon und eine theatral-literarische Sprache verständigen können. Das merkt man bei den einzelnen Bezügen, die die Texte herstellen: Susanna Fourniers „antigone lebt*“ zeigt die Referenz bereits im Titel; bei „Bakunin“ von Santiago Sanguinetti ist es weniger offensichtlich, aber er hatte Shakespeare im Hinterkopf, und dass Zainabu Jallo für „White Elephants“ ihren Beckett studiert hat, lässt sich auch nicht von der Hand weisen.

Gibt es weitere Gemeinsamkeiten?

Huber: Alle Autoren konnten sich auf einen erweiterten Realismusbegriff einigen: In mehreren Texten erweist sich die Grenze zwischen Leben und Tod als erstaunlich durchlässig. Es treten Figuren auf, die eigentlich als tot gelten, von denen nicht gesagt werden kann, ob sie Menschen sind oder Maschinen, wie real sie sind. Das ist nicht von außen hereingetragen worden, sondern hat sich in dem gemeinsamen Raum entwickelt, in dem die Arbeit stattfand.

Ist es nicht ein großer Luxus für einen Autor, einen Text bis zur Uraufführung begleiten zu können?

Huber: Keiner von ihnen hat darauf gewartet, dass jemand aus München anruft und sie zu diesem Projekt einlädt – alle sind weltweit erfolgreich unterwegs. Dennoch haben alle betont, als wie einzigartig sie die Arbeit auch im internationalen Vergleich empfinden, die große Sorgfalt, mit der die Entstehung der Texte von Anfang bis Ende begleitet wird.

Was wünschen Sie sich für die Texte?

Huber: Als Erstes wünsche ich mir gelungene Aufführungen. Aber es würde mich wirklich sehr freuen, wenn es für die Texte der fünf Autoren, an die wir glauben und mit denen wir eine inspirierende Zeit verbracht haben, weitergehen würde. Wir haben Kollegen von anderen Theatern und Vertreter von Verlagen eingeladen. Ich hoffe, dass möglichst viele kommen. Aber noch mal: Wir sind keine Förderanstalt, das sind alles etablierte Autoren. Wir haben mindestens so viel von ihnen gelernt wie sie von uns.

Wollen Sie sich festlegen, welches Stück Ihr Favorit ist? 

Huber:  (Lacht.) Nein. (Überlegt.) Nein. Das fällt mir wirklich schwer. Es sind jetzt ja nicht mehr nur Texte, es entwickeln sich die Inszenierungen. Und dadurch gibt es noch mal einen ganz anderen Zugang zu diesen Stücken.

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