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Auf der Droge Musik zum Seelenstriptease: Heiner (Manfred Zapatka), beobachtet von Helga (Charlotte Schwab). 

Premiere des Münchner Residenztheaters

Ein Lohengrinchen für München

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München - Die Verhandlungen für den „Lohengrin“ 2018 auf dem Grünen Hügel in Bayreuth hat Alvis Hermanis wie berichtet abgebrochen. Jetzt hat er fürs Münchner Residenztheater „Insgeheim Lohengrin“ inszeniert. Lesen Sie hier unsere Kritik:

Warum es wohl nicht beim „Tannhäuser“ passiert ist? Bei jener Rittersaga, wo der Eros alle Schutzmechanismen bedroht, von der Rüstung bis zur dünnen Haut? Oder natürlich bei „Tristan und Isolde“, der Liebeshormonquelle schlechthin, der ultimativen Verklärung der Zweisamkeit? Nein, das Schwanendrama muss es sein. „Insgeheim Lohengrin“ heißt der Abend, dem auch der Titel „Ausgerechnet Lohengrin“ gut stehen würde. Fünf Vereinsamte. Eine bei Airbnb für 381 Euro pro Woche gemietete Wohnung. Ein Plattenspieler. Alle Wagner-Opern, die gemeinsam gehört, kommentiert, genossen werden. Die Droge Musik als Katalysator für den Seelenstriptease, der dann doch nichts bringt: Am Ende, nach dem „Lohengrin“ als letzter so bizarr erlebter Oper, kehren alle zurück in die Solo-Existenz.

Musik von  Lauritz Melchior über Plácido Domingo bis Peter Seiffert

Das Münchner Residenztheater wildert also bei den Opernfans und dann doch wieder nicht. Ja, es gibt Musik in dieser zweidreiviertelstündigen Premiere im Cuvilliéstheater, schöne Aufnahmen von Lauritz Melchior über Plácido Domingo bis Peter Seiffert.

Vor allem aber gibt es ein Konzept, mit dem man sich erst anfreunden muss. Der lettische Regisseur Alvis Hermanis, als Gottseibeiuns aus der rechten Bühnenecke gefürchtet und als Rassist kritisiert, nachdem er gegen die deutsche Flüchtlingspolitik opponierte, dieser Anwalt der üppig ausgebreiteten Edel-Langeweile im Musiktheater, pflegt im Schauspiel die offene Form. Nur ein Grundkonzept gibt es, das mit den Darstellern erst entwickelt wird. Eigenes Erleben darf einfließen, Autor und Spieler verschmelzen. Scheinbar Nebensächliches wird zur Hauptsache – Hermanis nennt das „Neobanalismus“.

Zweimal hat diese Wagner-Séance Erfolg

Zum Heavy Metal von Wagners Partitur steht das alles im aufreizenden Gegensatz. Leise, sotto voce, behutsam begegnen sich die Fünf, von deren Laster niemand etwas erfahren darf. Ein fast lautloses Einverständnis, das mit einer stummen Szene beginnt, in dem die Beteiligten nach und nach eine schicke Münchner Altbauwohnung mit Bücherwänden und Wohnküche betreten. Das Erfühlen, Mitdirigieren, Nachsprechen der Verse spült Sehnsüchte und Erlebtes nach oben. Zweimal hat diese Wagner-Séance Erfolg: Ein Flügelhelmritter, Erlöser für was auch immer, stolziert stumm durchs Bild.

Eine Samtpfotengroteske

Naiv, klein, fein, mitleiderregend, auch loriotesk ist diese Samtpfotengroteske – und zu lang. Drei Akte auf 90 pausenlose Minuten gekürzt, das hätte gereicht. Kaum erheben sich die Figuren aus dem Flachrelief. Der korrekte Otto (Paul Wolff-Plottegg), der für die Mietabrechnung zuständig ist; die leicht somnambule Kathi (Ulrike Willenbacher); die rau-komische Helga (Charlotte Schwab), der herbstlich verlebte Heiner (Manfred Zapatka), der als Lieblingssong kurz „Born to be wild“ anstimmt. Oder der freundlich-empfindsame Bulle Eskil (Wolfram Rupperti), ein gebürtiger Norweger, dessen wunderzart gesungene Gralserzählung die Aufführung beschließt: Wer diese Menschen sind, man weiß es nicht.

Themen von der Integration über Einsamkeitsmarotten bis zu historischen Fehler in Wagner-Opern werden nur angerissen. Ein Kaleidoskop, das vieles sein will und am besten ist, wenn diese Clubmitglieder, verwundert über die Magie der Worte, Teile des Schwanendramas nachspielen. Ein Abend nicht nur für Wagnerianer, der gern in Schauspieler-Etüden zerbröselt. Für Alvis Hermanis hat es zumindest ein Gutes. Nachdem er die Verhandlungen für den 2018er-„Lohengrin“ in Bayreuth abgebrochen hat, gab’s für München halt sein Lohengrinchen.

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