In dieser Szene von „Dantons Tod“ am Residenztheater sind Danton (Florian von Manteuffel) und Lacroix (Johannes Nussbaum) in ein Gespräch vertieft.
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Die „Walking Dead“ der Revolution: Danton (Florian von Manteuffel, li.) und Lacroix (Johannes Nussbaum).

Sebastian Baumgarten inszenierte „Dantons Tod“ fürs Bayerische Staatsschauspiel

Letzte Premiere vor dem Lockdown: „Dantons Tod“ im Residenztheater

  • Michael Schleicher
    vonMichael Schleicher
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Es war die letzte Premiere am Bayerischen Staatsschauspiel vor der Schließung des Hauses: Sebastian Baumgarten inszenierte „Dantons Tod“ von Georg Büchner im Residenztheater.

  • „Dantons Tod“ war die letzte Premiere am Residenztheater vor der Corona-bedingten Schließung.
  • Sebastian Baumgarten inszenierte Georg Büchners Drama.
  • Aufgrund der Corona-Regeln durften nur 50 Menschen ins Theater.

Die Revolution liegt nicht im Sterben. Die Revolution ist tot; jämmerlich verreckt irgendwo auf dem Weg zu Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Der Wein, den Danton dem Mitstreiter und Widersacher Robespierre kredenzen lässt, rieselt grau und staubig ins Glas. Auch die Männer, die sich einst erhoben haben im Kampf für ein besseres Dasein, sind verrottet: Untote, die keine Ruhe finden; Zombies, die Erlösung suchen – ein kleines bisschen Horrorshow, gewissenhaft seziert von Georg Büchner (1813-1837), dem studierten Mediziner.

Aufgrund der Corona-Regeln durften nur 50 Menschen zuschauen

Sebastian Baumgarten hat dessen Drama „Dantons Tod“ (1835) nun fürs Staatsschauspiel inszeniert; am Freitag fand diese letzte Premiere vor der Schließung statt. Sie wurde von den 50 erlaubten Zuschauerinnen und Zuschauern heftig beklatscht. Denn dem Regisseur und seinem Kreativteam ist ein inhaltlich überzeugender, musikalisch begeisternder und ästhetisch eindrucksvoller Zugriff auf den Stoff geglückt.

Mit zweieinhalb pausenlosen Stunden ist die Produktion zwar etwas zu lang. Doch nutzt Baumgarten das beliebte Motiv der „Walking Dead“ geschickt, um zu zeigen, wie der Mensch dem eigenen Glück immer wieder selbst im Weg steht. Lebenden Toten gleich gieren wir sehnsüchtig danach, aber verlieren mit dem Ziel vor Augen jegliche Empathie.

„The Walking Dead“ am Residenztheater

Der Abend weitet den Blick. Er geht zurück, beginnt in einem grün-zirpenden Urzustand, in dem sich der Homo sapiens aus dem tierischen Winden und Kriechen entwickelt. Ihre animalischen Ganzkörperanzüge werden die Schauspielerinnen und Schauspieler freilich nicht ablegen, sondern tragen sie fortan unter ihren Kostümen. Mit der Vorspultaste rast die Zeit schließlich zur Revolution – nicht nur der französischen. Videokünstler Chris Kondek schlägt in seinen virtuos und punktgenau geschnittenen Szenen immer wieder den Bogen zu Lenin und der russischen Oktoberrevolte, aber auch zu Demonstrationen und Straßenschlachten der Gegenwart: Die Ereignisse, erzählen diese Bilder, nehmen mit unbarmherziger Gleichförmigkeit ihren Lauf; ein Aufbegehren dagegen scheint vergeblich.

In dieser Tragödie entdeckt Baumgarten eine verzweifelte Komik. Er lässt sein Ensemble wie Zombies und Aufziehpuppen agieren, zitiert zudem die Ästhetiken von Slapstick- und Stummfilm. Herrlich unterstützt und umspielt Philipp Weiß am Klavier diese Momente; auch Christoph Clösers Kompositionen und Klangkulissen sorgen enorm für die künstlerische Dichte dieses Abends.

„Dantons Tod“ ist im Dezember wieder zu sehen – hoffentlich

Die Drehbühne, die Thilo Reuther geschaffen hat, lässt keinen Zweifel: In einer Welt, in der Robespierre das Sagen hat und auch die hintersten Gedanken kontrolliert, ist für ein freies Leben kein Platz. Wüst und leer ist der Nationalkonvent, wo ein Roboterarm das Blut gar nicht mehr wegwischen kann, sondern nur noch mechanisch verteilt. Ausgebrannt ist das Gebäude der Nationalbank, in der Danton und die Seinen kämpfen, selbst im Puff glimmen die Lichter nur traurig.

Danton mag zwar erkennen, was schiefgelaufen ist, doch kann er nichts mehr ändern. Längst ist er ein „toter Heiliger“, wie sein Freund Lacroix bemerkt. Florian von Manteuffel glückt es, zwischen Ekel, Müdigkeit und Verzweiflung seiner Figur deren einstige Größe aufblitzen zu lassen. Lukas Rüppel zeigt Robespierre dagegen als bösen Inquisitor der Tugend: die Schultern stets hochgezogen, mit  Lenin-Kappe  und fest um den Leib geschnürtem Mantel exerziert er seine Lebensfeindlichkeit. Er mag Danton den Kopf abschlagen lassen – dessen letzte Momente zeigt Baumgarten indes als Stummfilm und nimmt ihnen so jede Schärfe. Denn vielleicht kommt die Rettung ja mit dem Lächeln.

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