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Einer der wenigen konzentrierten Augenblicke eines heillos zerfahrenen Abends: Schauspieler und Zuschauer scharen sich um ein Lagerfeuer.

Ressourcen-Verschwendung

München - Regisseur Robert Lehniger scheitert im Marstall an der Uraufführung von Helmut Kraussers „Eyjafjallajökull-Tam-Tam“. Eine Kritik:

„Eyjafjallajökull-Tam-Tam“. Die Uraufführung von Helmut Kraussers neuem Stück, das den Namen jenes isländischen Vulkans im Titel trägt, dessen Asche im vergangenen Jahr den Luftverkehr lahmgelegt hat, war am Sonntag die letzte Premiere des Eröffnungswochenendes der Intendanz von Martin Ku(s)ej am Bayerischen Staatsschauspiel. Und es war die schwächste.

Im harmlosen Fall ist Robert Lehnigers Inszenierung Quatsch. Strenggenommen ist sie ein Ärgernis. In jedem Fall sind diese gut 90 Minuten Ressourcen-Verschwendung: Verschwendung der Schauspielerleistungen, die oft unbemerkt verpuffen; Verschwendung von Kraussers Text-Collage, die weitgehend ungehört untergeht; Verschwendung des Arbeitseinsatzes der Techniker, die alles tun, um dieses aufgeblasene Nichts am Laufen zu halten.

Dabei hat die Idee doch so viel Charme: Wegen eines Vulkanausbruchs und der Sperrung des Luftraums stranden alle 55 Ensemblemitglieder, mit denen Ku(s)ej fortan seine Münchner Intendanz gestalten wird, in der Wartehalle eines Flughafens. Es braucht nicht viel Fantasie, um den Wunsch, endlich abheben zu können, als Metapher für den Start in die neue Spielzeit zu begreifen.

Ja, das ist charmant und eine großartige Gelegenheit, alle Schauspieler an einem Abend vorzustellen: Wer nicht im Marstall auftritt, weil er gerade in einem anderen Stück spielt oder frei hat, der ist in Filmaufnahmen zu sehen. So ändert sich dieser Theaterabend ständig, gleich bleiben die Streits, Flirts und Lebensbeichten, die unter den Wartenden aufflammen.

Zuschauer werden zu Fluggästen

Soweit die Idee. Leider macht Regisseur Robert Lehniger in seiner Inszenierung im Marstall die Zuschauer zu Fluggästen, inklusive Warten in einer VIP-Lounge, Sicherheitscheck, Stehen, Warten, Drängeln, Drängeln, Warten, Stehen. Es ist wie im richtigen Leben. Es ist ein Graus.

Nach der Sicherheitskontrolle gibt es zwei durch einen Gang verbundene Abflugbereiche, zwischen denen der Zuschauer – sofern er durchkommt – wechseln kann. Zudem gibt es Gänge und Abzweigungen – etwa ins Büro der Fluggesellschaft –, die ebenfalls erkundet werden können. Es sind flughafentypische Lautsprecherdurchsagen zu hören, Filmeinspieler zu sehen, und – ach ja – dazwischen mühen sich die Darsteller redlich Theater zu spielen. Allein: Es ist schlicht Glückssache, ob man es bemerkt, ob man nah genug dran ist, um zu hören, zu sehen, zu würdigen.

Der autonome Zuschauer als Teil einer dramatischen Installation; Spielort ist gleich Zuschauerraum und umgekehrt – neu ist diese Theaterform nicht. In all den Jahren, die es sie schon gibt, ist sie aber nicht besser geworden.

Irgendwann reißt eine Wand auf, und die Hairy Hands machen Musik. Zu diesem Zeitpunkt hätte der Abend noch ein gutes Konzert werden können. Doch nach einem Song ist Schluss. Schade. Schließlich versammeln sich die meisten Schauspieler um ein Lagerfeuer. Die Zuschauer stehen oder sitzen (inzwischen wurden tragbare Campinghocker verteilt) an den Wänden: Es ist der einzige Augenblick, der einen Hauch Konzentration erahnen lässt. Er kommt zu spät.

Im Rahmen der Inszenierung ist ein Film entstanden, der im Internet zu sehen ist: Schauen Sie sich den an. Er scheint besser zu sein.

Nächste Vorstellungen

Dienstag sowie am 12., 13., 14., 15., 16., 17. Oktober;

Telefon 089/ 21 85 19 40.

Von Michael Schleicher

So gut ist dagegen der Film zum Stück auf www.residenztheater.de/tamtam

Stellen Sie sich vor: ein packend inszeniertes Fernsehspiel zu einem aktuellen Thema mit intelligentem Drehbuch und phänomenalem Schauspiel-Ensemble. Und das zur besten Sendezeit.

Unter diesem Link finden Sie den Film.

Das gibt es tatsächlich, nur eben nicht im Fernsehen, sondern im Internet auf www.residenztheater.de/tamtam. Parallel zur Uraufführung des unaussprechlichen Stücks „Eyjafjallajökull-Tam-Tam“ wurde eine Video-Version auf die Homepage des Residenztheaters gestellt (Regie: Robert Lehniger und Michael Venus). Die Geschichte um eine Höllenfahrt aus lichten zivilisatorischen Höhen in die Abgründe animalischer Gewalt verzichtet auf experimentelles Geklingel und pseudo-avantgardistische Videokunst-Anwandlungen.

Geradeheraus, voll auf Text und Schauspiel setzend, wird dem Zuschauer die Apokalypse hingeknallt.

Der Faschist in uns allen läuft hier Amok: Zunächst verbal, später dann wirklich und als schlimmste Irre erweisen sich die anfangs so freundlichen Kultur-Bürger, die die einsetzende Anarchie als Chance zur Endlösung der Bildungsfrage nutzen wollen. Auf den Punkt, ohne Schnörkel, mit Verve und sehr ernsthaft. Trotz (oder wegen) konservativer Umsetzung birgt dieser Film einen innovativen Ansatz, um die Menschen über den Umweg Internet für das Theater zu interessieren. Im Fernsehen finden Sie so etwas nicht.

Zoran Gojic

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