Der Rest ist Turnen

- Am Ende, in der Gruft, wenn's ans Sterben geht, wagen sie viel, die jungen Schauspieler, die Darsteller von Romeo und Julia. Aber sie gewinnen nicht. Die jüngste Premiere des Münchner Volkstheaters, Shakespeares berühmte Liebestragödie, bleibt bis zum Schluss eine ziemliche Katastrophe. Oder munteres Laienspiel mit einigen Ausflügen in die Professionalität.

<P>Purer Leichtsinn und irgendwie auch verantwortungslos dem jungen Anfänger-Ensemble gegenüber, sich für dieses nicht eben leichte Stück, dessen wunderbare Realisierung durch Leander Haußmann im Residenztheater doch noch bei vielen in bester Erinnerung sein dürfte, einen so theaterunerfahrenen Regisseur wie Nuran Calis auszusuchen.<BR><BR>Laienschar vom Hasenbergl</P><P>Dem fiel nichts weiter ein, als die Handlung kontrastreich ins ärmliche Rapper- und reiche Schickimicki-Milieu zu verlegen, mit der Nennung von Hasenbergl und Hackerbrücke anzuzeigen, dass München der Schauplatz sei, seine Laienschar ein paar Flickflacks ausüben zu lassen und die Zuschauer, immer wenn's auf der Bühne schwierig werden könnte, mit harten Rhythmen zuzuknallen und viel Dampf einzunebeln.<BR><BR>Eine Show solle es werden, wie der DJ gleich am Anfang durchs Mikro kundtut. Wenig später erweist sich, dass er zu den Underdogs, die hier die Romeo-Clique der Montagues darstellt, zählt. Wie Zirkusartisten, im weißen Dress mit nackter Brust, rappen sich die drei schicken Capulets mit ihrem Anführer Tybalt auf die Bühne. </P><P>Und schon naht das Ende aller Regie-Ideen. Mit dem Fest bei den Capulets weiß Nuran Calis nichts anzufangen, erst recht nichts mit der Liebe, und überhaupt versteht er von Handlungsführung und der Leitung von Schauspielern noch gar nichts. Verschenkt der besondere Moment des Sich-Verliebens, womit jeder Grund abhanden kommt, dieses Stück zu spielen. Julia, die in ihrem Cocktailfummel aussieht wie eine durchaus nicht mehr unschuldige Vertreterin der Jeunesse doré´e, darf zur E-Gitarre beeindruckend röhren und Romeo, hauptsächlich dumpf und gewaltbereit, hilflos herumstehen.<BR><BR>Der Rest ist Turnen. Stange rauf, Stange runter, Felgaufschwung zum Balkon, Sprung über die Bande. Keilerei mit Baseballschlägern. Und wenn der Prinz, hier so etwas wie der Oberste aller Vorstadt-Mafiosi, nach Mercutios und Tybalts szenisch nicht bewältigtem Tod, die Geflügelschere nimmt und schnippschnapp Romeo-Freund Benvolio den Daumen abschneidet, dann geht ein Seufzer des Schreckens durchs Parkett. Die einzige Reaktion an diesem Premierenabend.<BR><BR>Eine Spur Shakespeare<BR><BR>Wie die Tragödie zu Ende bringen in einer Inszenierung, die am Anfang nichts an Handlung angelegt, keiner Figur ein Profil gegeben hat? Wenn im schwierigen zweiten Teil, nach der Pause, einige Momente eine professionelle Handschrift erkennen lassen, wenn der Monolog der Julia halbwegs glaubwürdig über die Rampe kommt, dann ist das vermutlich dem Eingreifen von Volkstheater-Chef Christian Stückl zu verdanken. Die bildstärkste und schönste Szene: "Es war die Nachtigall . . ." </P><P>Da öffnen sich die beiden variablen Bühnenwände einen Spalt, und heraus entrollt sich aus einem Endlos-Laken das Liebespaar. Ein Hauch von Poesie - bis die keifende Amme und die schreiende Mutter die Aufführung wieder ins Laienspiel zurückholen. Zwischen all dieser dreisten Unbeholfenheit, deren Opfer in erster Linie Katja Müller und Leopold Hornung als die Titelfiguren sind, sorgt als einzige Sophie Wendt in der Rolle des Pater Lorenzo für eine Spur Shakespeare.</P>

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