Auf der Resterampe des Regietheaters

München - Zum Auftakt der Ära von Intendant Ulrich Peters: Alfred Kirchner inszenierte Mozarts "Figaro"

Alles müsse anders werden, egal wie. Denn das Sündenregister, so hat Bayerns ministerielle Obrigkeit geurteilt, war zu lang: zu wenige Zuschauer, zu wenig Außenwirkung, Produktionen, die das Herz des Gärtnerplatzfans kaum mehr erwärmten. Einfach nicht mehr sexy genug schien es, Münchens zweites Opernhaus, weshalb ihm, so der Wille der Staatstheater-Hüter, Neu-Intendant Ulrich Peters ein Paket aus Frischzel-len-Injektion und Repertoire-Lifting verpassen soll.

Dass der frühere Augsburger Chef zu Beginn dieser Kur, bei "Figaros Hochzeit", ausgerechnet auf Regie-Senior Alfred Kirchner kam, überraschte dann doch. Kirchner, der in den letzten Jahren vor allem dadurch aufgefallen war, dass er sich im vorletzten Bayreuther "Ring" von seiner Ausstatterin Rosalie an die Wand drücken ließ, als perfekter Mann für die "perfekte Oper", wie das Programmheft den "Figaro" tituliert?

Wer ob dieses Engagements schon vorab die Augen verdrehte, sah sich nach der Eröffnungspremiere bestätigt. Wo sich Mozarts tiefe Humanität mal in abgründiger Melancholie, mal in delikatem Witz, mal in vieldeutiger Erotik Bahn bricht, lieferte Kirchner allenfalls rostige Ersatzteile aus dem Regietheater-Lager. Der Graf, der sich von Gärtner Antonio per Kinderwagen über die Bühne schieben lässt, das surreale Boot, die weißen Rosen, die von der Decke des Zuschauerraums hängen: Symbolschwangeres, das Bedeutung allenfalls heuchelt - und dessen Wirkung angesichts der dürftigsten Ausstattung, die derzeit in München zu erleben ist, bald verpufft.

Irgendwo im Russischen scheint dieser "Figaro" zu spielen, der bemüht (und grundlos) Tschechow-Atmosphäre zitiert und - wie geschätzte 500 weitere Inszenierungen - wieder mal den Blick freigibt auf reifes Korn. In angeschimmelten Kulissen und auf schiefer Drehscheibe gibt man sich am Hofe dieses heruntergekommenen Landadels maßvoll aggressiv und gerne triebgesteuert.

Von Poesie und Zwischentönen keine Spur

Der Titelheld darf gelegentlich gegen den Macho-Grafen im Wildwest-Anzug aufmucken und Susanna schon im ersten Duett zur Rammelnummer an der Wand "verführen". Cherubino, hier an "Zwischenmahlzeit"-Diva Gisela Schlüter erinnernd und von Sybille Specht nur als vokale Annäherung vorgeführt, wird in den Kühlschrank gesperrt. Susanna begegnet uns im ultrakurzen Servierkleidchen plus wiegendem Gang als Import von der Freisinger Landstraße. Und als zum Finale des dritten Akts auch noch die Korngarben hereintippeln, solidarisiert man sich gern und nachträglich mit Kaiser Joseph II., der Tänze seinerzeit aus dem "Figaro" streichen lassen wollte.

Einzig Florian Simsons wunderbar aasigem Basilio haftet so etwas wie ein Geheimnis an. Von Mozarts vielschichtiger Menschenschau, von Poesie und jenen pikanten Zwischentönen, die vieles ahnungsvoll in der Schwebe lassen statt Fakten plump aufzutischen, ansonsten keine Spur. Kirchner kommt gar nicht dazu, die Figuren zu verraten, gibt er ihnen doch weder Geschichte noch Tiefendimension. Was diese flachen Typen miteinander zu tun haben, warum sie ständig übelgelaunt aufeinander prallen, erschließt sich kaum. Immerhin einmal knistert's an diesem Abend - als in einer Gewaltaktion die papierne Rückwand eingerissen wird.

Wo die Bühne zur Resterampe mutiert, hält man sich eben an Ulrich Peters' Ensemblezugänge: an den sehr präsenten, mit großem Einsatz agierenden Stefan Sevenich etwa. Ein kompakter, wuchtiger Figaro im Blaumann, dessen stimmliche Substanz nicht ganz mit dem darstellerischen Nachdruck Schritt hält. Doch war ihm und den Kollegen auch anzumerken, wie viele Nerven die Doppelbelastung aus München-Debüt und Eröffnungspremiere kostet. Christina Gerstberger, das zeigte sie in der "Rosenarie", kann umschalten vom spitzen Soubrettenton zu zärtlichster Lyrik.

Julian Kumpusch ist als Graf eine Spur zu kleinformatig und doch ein interessanter Typ. Mit ihm könnte ein besserer Regisseur wohl viel anfangen. Johannes Wiedeckes imponierende Bartolo-Töne machen Lust auf Gewichtigeres. Sandra Moon, die sich aus Klaus Schultz' Ensemble herübergerettet hat, bewies, dass sie einige der wenigen Sopranistinnen ist, die sowohl Butterfly oder Pamina als auch jetzt die Gräfin gestalterisch erfüllen können.

Chefdirigent David Stahlließ sich offenbar von Kirchners Regie anstecken. Mozarts Partitur wurde differenzierungsarm und nur eindimensional-vital abgewickelt. Die Ouvertüre wirbelte rekordverdächtig vorbei. Muße und Ruhe, bei Details innezuhalten, auch Widerborstiges und Tiefergehendes zu entwickeln, gestattete sich Stahl erst ansatzweise nach der Pause. Was doppelt schade war, spielte das Orchester doch in selten guter Form: Mit diesen Musikern ist viel mehr möglich. Trotz des Jubels (womöglich bekannter und verwandter) Gäste: Ein Paukenschlag am Beginn einer Ära war's nicht, eine Offenbarung noch viel weniger. Also ein Omen für die Amtszeit des Neuen? Dies nun hätten weder Ulrich Peters noch das Haus verdient.

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