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Souffleur und vor allem Co-Dirigent: Michael Mader (37) gehört zur seltenen Spezies des „Maestro suggeritore“.

Der Retter aus dem Kasten

München - Fürs Publikum sind diese Helfer nie zu sehen. Für die Sänger indes sind die Einsager im Kasten überlebensnotwendig. An großen Opernhäusern, darunter in München, haben die klassischen Souffleure nun Konkurrenz bekommen: Der Maestro suggeritore liefert nicht nur Stichwörter, er dirigiert auch mit.

„Keine Details, welches Stück?“ Der alte Theaterwitz hat auch aus anderen Gründen einen Bart bekommen. Steht heute ein Sänger auf der Bühne des Nationaltheaters und schaut Richtung Orchester, dann hat er oft zwei Taktschläger im Visier: den Dirigenten im Graben - und den Co-Dirigenten im Souffleurkasten. In München sitzt dort Michael Mader, gebürtiger Innsbrucker, gestandener Opernkapellmeister und früher in dieser Funktion am Tiroler Landestheater engagiert. Er gibt die Einsätze für Sänger und Chor, er vermittelt dem Bühnenpersonal Sicherheit, er nimmt dem Hauptdirigenten entscheidende Arbeit ab. „Ich dirigiere grundsätzlich und immer mit“, sagt der 37-Jährige. „Ob ich Textstellen liefere, kommt auf die Sänger an - wobei ich natürlich meinen Tiroler Dialekt vermeide.“

Eine Mischung aus Souffleur und Pultmann leistet sich da also die Bayerische Staatsoper. Michael Mader ist bereits die zweite Spielzeit dabei und in der aktuellen Saison - außer mit vielen Repertoire-Aufgaben - vor allem mit der Neuproduktion von Wagners „Ring“ betraut. An diesem Haus ist er der einzige Maestro suggeritore, was sich in etwa mit „Souffleurdirigent“ übersetzen lässt. Zweieinhalb Stellen wurden in München für solch lebensnotwendige Helferdienste eingerichtet, neben Mader sind auf den anderen eineinhalb Positionen klassische Souffleure.

Auch wenn München wohl das einzige deutsche Haus ist, das einen Maestro suggeritore beschäftigt: Der Beruf ist nicht neu. Wie der Name ahnen lässt, kommt er aus Italien. Im 19. Jahrhundert hat er sich herauskristallisiert. Und dass solche Co-Dirigenten auch nördlich der Alpen eingesetzt werden, ist vor allem Herbert von Karajan, selbst oft an der Mailänder Scala aktiv, zu verdanken. Mit entsprechenden Verwerfungen: Als der Star 1963 bei einem Scala-Gastspiel in Wien auf einem Maestro suggeritore bestand, brach eine Staatsopernkrise aus. Von einem solchen Ausländer, so die beleidigte Kritik, werde man sich doch nicht die Arbeit wegnehmen lassen.

Da verläuft für Michael Mader der Münchner Alltag in wesentlich ruhigeren Bahnen. Bei Neuproduktionen ist er ab der ersten Probe dabei. Eine Kennenlernphase ist das, die im Ernstfall Vorstellung ihre Früchte trägt. Wobei: „Es gibt Sänger, die eine dirigierende Begleitung nicht so gern haben“, sagt der Innsbrucker. Einmal, weil in ihren Herkunftsländern Frankreich oder USA sogar die klassischen Souffleure nicht üblich sind. Oder weil sie mit den dirigierenden Einsagern einfach nicht zurechtkommen. „Waltraud Meier zum Beispiel meint immer: ,Bitte nicht, das bringt mich bloß raus.‘“

Platz ist im kleinen Souffleurkasten für Michael Maders Tätigkeit genug. Schließlich sind keine ausladenden Bewegungen wie beim Hauptdirigenten notwendig, sondern nur knappe (und viel uneitlere) Zeichen. Je komplizierter die Stücke, so die Faustregel, desto notwendiger ist der Maestro suggeritore. Wagners „Rheingold“ oder sein erster „Siegfried“-Akt, Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ oder sein „Rosenkavalier“, das sind laut Michael Mader einige dieser brandgefährlichen Werke. „Alles Opern, in denen viel Konversation betrieben wird, wo also viele schnelle, vertrackte Einsätze notwendig sind.“ Dazu kommen große Chorwerke à la „Tannhäuser“- und natürlich Stücke des 20. Jahrhunderts.

Nicht nur der Laie fragt sich bei all dem: Ist diese Koordination nicht allererste Aufgabe des „normalen“ Dirigenten? Hat das Personal auf der Bühne (oder der Star im Graben) einen Maestro suggeritore immer nötiger? Ganz so einfach ist die Sache nicht. Bei kleiner besetzten Opern, Mozart oder Barock zum Beispiel, bleibt der eigentliche Dirigent meist alleiniger Lotse. Mader erklärt sich die Entwicklung so: „Die Dinge sind eben komplizierter geworden.“ Inszenierungen verlangten von Sängern immer mehr, Bühnenbilder würden aufwändiger, die Gesamtabstimmung sei damit schwieriger. Außerdem: „Viele Dirigenten kommen aus dem symphonischen Bereich und nicht aus dem Theateralltag, sie sind also derart viele Koordinationsaufgaben nicht gewöhnt.“

Für Münchens Maestro suggeritore ist das alles keine beklagenswerte Entwicklung. Nicht nur, weil damit sein Berufsstand garantiert wird, sondern auch aus anderen Gründen: Der Dirigent im Graben, so gibt Michael Mader zu bedenken, könne sich damit noch mehr der eigenen Interpretation widmen - und müsse nicht ständig fürchten, dass ihm dabei der musikalische Laden um die Ohren fliegt.

Vor der Vorstellung absolviert Mader wie sein Kollege am Pult die übliche Runde: Anklopfen an der Garderobentür, ein kurzes Gespräch mit dem Sänger, ein Erkundigen nach dem Befinden. „Und dann merke ich schon: Oh, der- oder diejenige ist heute schlechter drauf.“ Oder die Solisten gestehen es gleich von selbst: „Heute hab’ ich schlecht geschlafen, pass’ bitte auf mich auf.“ Einfühlungsvermögen ist also gefragt, nicht nur musikalisch, sondern auch psychologisch.

Welche Kandidaten besonders gefährdet sind, darüber schweigt freilich des Maestros Höflichkeit. Opernbesucher sollten daher genau hinschauen: Wenn sich einer der Stars beim Solo-Vorhang per Handschlag beim Helfer im Kasten bedankt, dann gab’s in der Vorstellung womöglich einen vokalen Blindflug.

Markus Thiel

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