Rettung der Zivilisation

- Die Sache scheint ja so einfach: "Wenn man verfügen könnte, dass alle Menschen in die Oper gehen müssten, wenn das gesellschaftlich ernst genommen würde, was die Oper zu sagen hat, dann wäre das möglicherweise die Rettung der Zivilisation." Peter Konwitschny, wohl hemmungslosester Moralist unter den Opernregisseuren, hat also das Patentrezept gefunden. Und entlockt hat's ihm eine Kollegin: Barbara Beyer, die für ihr Buch "Warum Oper?" 14 Theatermänner und eine -frau befragt hat.

Sie wie auch Vorwortschreiber Albrecht Puhlmann, ab Herbst Chef des Stuttgarter Hauses, gehen dabei von der These aus: Entscheidend für den Fortbestand der Oper war und ist die Regie. Mögen auch Netrebko, Villazón & Co. für Kurzzeit-Ekstase sorgen - wo sich das Repertoire auf 20, 25 Stücke verengt, bleibt immer am wichtigsten, wie die jeweilige Neuversion von "Traviata", "Carmen" oder "Zauberflöte" aussieht.

Barbara Beyer ist mit ihrem Interview-Buch eine wichtige, sehr lesenswerte Analyse des Phänomens Oper gelungen. Weil sie nicht billig Biografisches oder Faktenreihen abfragt, sondern sofort - als "Berufsbetroffene" - in die Tiefe dringt. Und dabei nicht nur Erhellendes übers Musiktheater, sondern über die Vermittler zu Tage fördert. So geben sich Konwitschny und Hans Neuenfels, auch wenn sie total verschiedene Stilisten sind, als leidenschaftliche Aufklärer. Konwitschny will "Katastrophen" nachbauen, Neuenfels möchte, dass Regie "die Verluste genauso stark aufzeigt wie das, was vielleicht erwünscht sein könnte".

Das Duo Jossi Wieler/Sergio Morabito spricht - ganz ähnlich - vom Abbild der Wirklichkeit "in einem Zerrspiegel". Und lässt einen Disput durchblicken bei der Frage, ob man sich auch an der Musik vergreifen darf. Christof Nel warnt davor, alles durch die Brille der Konzeption zu sehen. Sebastian Baumgarten outet sich als Pessimist: Der Regieberuf "als Interpretationsmaschine" sei doch passé´. Martin Kusej leidet vor allem am Theatersystem. Und Calixto Bieito gibt zu, dass er "Variationen eines Stücks" biete. Also nie das Stück selbst?

Eines der wichtigsten Opernbücher der letzten Jahre ist hier entstanden, das indirekt einen Überblick über Regie-Strömungen und -Moden gibt. Dasselbe hat sich auch Manuel Brug vorgenommen, der in "Opernregisseure heute" eine Art kommentiertes Lexikon vorlegt.

Was sein Buch auszeichnet: Brug ist ein farbiger Fabulierer, den man einfach gern liest. Wen er mag, dem gönnt er - wie in den Fällen Hans Neuenfels, Jossi Wieler oder Nikolaus Lehnhoff - eine kluge, abwägende Analyse. Brugs Formulierungslust kann Regisseure wie Christoph Marthaler sehr humorvoll charakterisieren. Doch sein flockiger Stil birgt auch die Gefahr des Ungenauen, des nur schnell Dahingeschriebenen.

Verlagslektoren - eine bedrohte Art

Und deutlich wird, dass hier ein obsessiver Opern-Konsument am Werk war. Ein Vielseher, dem man so schnell nichts mehr vormacht, der sich aber nicht mehr leicht begeistern lässt. Denn das, was Brug "langweilig" nennt, muss Otto-Normal-Abonnent noch lange nicht so einschätzen.

Gefährlich ist aber, dass Brugs Lässigkeit in Nachlässigkeit umschlägt. Wenn also Bregenz auf einmal in Deutschland liegt, wenn Joachim Herz das Buch "Im Interesse der Deutlichkeit" geschrieben haben soll (es war Wolfgang Sawallisch), wenn David Aldens Schriftzug "Germania Nostra" im Münchner "Tannhäuser" angeblich in Fraktur ist (was nicht stimmt), wenn Brug "Caroline Gruber" beurteilt (sie schreibt sich mit "K"). Oder wenn Pierre Audis Salzburger "Zauberflöte" als "brave Bebilderung" verurteilt wird - sie hat erst am 29. Juli Premiere. Was wieder beweist: Verlagslektoren sind eine aussterbende Art.

Barbara Beyer (Hg.): "Warum Oper?" Alexander Verlag, Berlin, 278 Seiten; 19,90 Euro.

Manuel Brug: "Opernregisseure heute". Henschel Verlag, Berlin; 320 Seiten, 24,90 Euro.

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