Er war ein Revolutionär

- Berühmt, berüchtigt, beliebt: Das war die Karriere von Auguste Rodins bekanntester Bronzeskulptur "Der Kuss" (um 1881/ 82). Bei der ersten Ausstellung 1887 in Paris verursachten die nackten Liebenden einen Skandal. Sechs Jahre später waren sie in Chicago nur erwachsenen, männlichen Bersuchern zugänglich, versteckt hinter Vorhängen im Separée.

Erst 1898 trat das Paar, nunmehr lebensgroß in Marmor, seinen Siegeszug als Inbegriff sinnlicher Liebe an. Heute ist die Thematik der Hypo-Kunsthalle München eine ganze Ausstellung wert, die Rodins differenzierte Paarbeziehungen generell beleuchtet. Lieben sie sich nun oder nicht? Drängt sie ihn, will er eigentlich gar nicht? Laut Kuratorin Anne-Marie Bonnet, Fachfrau aus Bonn, hat die innige Umarmung eher mit einer Krisensituation zu tun als mit trauter Zweisamkeit. Ihre These stützt sie auf den Usprung der Thematik:

Der Ruf eines Frauenhelden

1880 erhielt Rodin (1840-1917) den Auftrag für die Eingangtür des geplanten neuen Kunstgewerbemuseums in Paris. Für die "Höllenpforte" bezog sich Rodin unter anderem auf Dantes "Göttliche Komödie". Die verschwägerten Paolo und Francesca verlieben sich beim Lesen eines Minneromans und werden für die Sünde des Kusses in die Hölle verdammt. Den vielen abgeleiteten Motiven soll laut Kuratorin immer auch ein Hauch von Abschied, Schlechtheit, Beziehungsproblematik und Spannung anhaften. Beim Bronze-Kuss zeichnen sich durchaus, vor allem im kalten Hypo-Licht, Distanzen ab.

Bei der schönsten und aufschlussreichsten Figur der Ausstellung aber nicht: Überlebensgroß in Gips verschmilzt das Paar zaghaft, sinnnlich; sie ganz Hingabe, er ganz Hinwendung und Zärtlichkeit -trotz des muskulösen Körpers und der groben Hände. Zum ersten Mal ist die Gipsarbeit, Vorstufe zum Staatsauftrag in Marmor, dafür aus dem verstaubten Depot des Musée Rodin in Paris geholt und restauriert worden. Die Weichheit des Materials kommt trotz der düster-roten, sehr spartanischen Raumgestaltung zum Tragen. Stift- und Zirkelspuren auf dem Gips verweisen auf das Unternehmen Rodin mit seinen vielen Angestellten, das eine Massenproduktion für das geneigte Bürgertum, für Politiker und Literaten schuf.

Weniger begeistert waren die Auftraggeber mancher Denkmäler: Der Vorwurf der Obszönität begleitete immer wieder die Präsentationen. Rodin selbst handelte sich den Ruf eines Frauenhelden ein und wurde bis heute oft reduziert auf den Eros. Mit der Aufschlüsselung kompliziertester Paar-Skulpturen und vor allem mit vom Künstler lizensierten Fotografien wird jetzt gegen den Ruf des Pornographischen -dem Rodin nie verfiel -angekämpft. "Es sind Akte und nicht Nackte", formuliert es Bonnet. Es sind primär Spannungsbögen, die Hingabe und Verweigerung, Freude und Flucht in 38 Skulpturen und einer Auswahl aus über 6000 Paar-Zeichnungen Rodins verdeutlichen.

Die Mann-Frau-Problematik, allegorische, mythologische und literarische Paare, das Kapitel Künstler und Muse sowie kurz die Mutter-Kind- Beziehung sollen thematisch erfassen, was an körperlicher Dynamik und psychologischen Komponenten dahinter steckt. Gewagte Zusammenstellungen, gleichgeschlechtliche Verstrickungen gehören hier genauso dazu wie körperliche Überspitzung innerlicher Zu- und Abneigung. Primäre Erkenntnis bei all den Paaren: Rodin war ein Revolutionär. Er kümmerte sich wenig um akademische Proportion, um klassische Schönheit, um Erfassung des Gegenstandes.

Die Hauptaussage ist stets eine emotionale. Als Vorbote des Expressiven bestätigt sich der Franzose aber lediglich durch sein Werk -nicht durch die Ausstellungspräsentation. Er, der seine Skulpturen nur ungern auf Sockeln und in Vitrinen sah, hat sich jetzt ein Podest als Paar-Analytiker erobert. Nur "Die Kauernde" (um 1882) windet sich ebenerdig, mit sich selbst beschäfigt, als Ingebriff von Seele, Weiblichkeit und Körpergefühl, als Inbegriff von expressiver Form.

Bis 7. Januar, Katalog: 25 Euro. Tel. 089 / 22 44 12.

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