+
An der frischen Luft herumtoben: Von da zum Buch will der mixtvision Verlag eine Brücke schlagen.

Die Revolutionäre: Der Münchner Verlag mixtvision

München - „Das Buch hat als Betriebssystem noch lange nicht ausgedient", schreibt Hans Magnus Enzensberger in seinem soeben erschienenen „Album". Wenn er sich da nicht mal irrt.

Geht es nach Leuten wie Sebastian Zembol, dem Verleger von mixtvision in München, gehört das Buch in seiner bisherigen Erscheinungsform demnächst auf die Resterampe. Sofern man es nicht ergänzt um das, was andere Medien zu bieten haben. Die Kinderbücher, die der 2009 mit dem Bayerischen Kleinverlagspreis ausgezeichnete Verlag produziert, sind jedes für sich genommen kleine Kunstwerke, denen etwas Besonderes gelingt: Sie schlagen eine Brücke zwischen den bisher anscheinend so unversöhnlichen Kategorien Buch und Film, Internet - und dem Herumtoben an der frischen Luft. Mit Hilfe von „interaktiven Büchern“, wie sie bei mixtvision entstehen, schließen sich diese Dinge nicht mehr aus, sondern bereichern sich auf höchst originelle Weise.

Die Revolutionäre in Sachen Kinderbuch logieren in sehr klar und modern gestalteten Räumen am Schwabinger Pündterplatz. Die Zielgruppe tollt derweil draußen vor den Fenstern auf dem Spielplatz herum. Und wie immer, wenn es um bahnbrechende und große Dinge geht,

Schauen, Lesen

und Selbermachen

sieht auf den ersten Blick alles ganz harmlos aus. Große, helle Zimmer, blankes Parkett, Stuck an den Decken, aufgeräumte Schreibtische, schicke Designerstühle am großen Konferenztisch. Von hier aus startete der frühere Fernsehproduzent Sebastian Zembol nach einer Babypause mit der Idee eines medial übergreifenden Kinderbuchverlages. „Man beobachtet ja als Eltern, dass Kinder sehr neugierig auf die Welt kommen. Also dachte ich, es wäre schön, diese Neugierde möglichst lange zu erhalten. Und da das nicht nur bei meinen Kindern so ist, sondern bei allen, fing ich an, daraus verschiedene Ideen zu entwickeln“, erinnert sich Zembol an die Anfangsphase im Jahr 2005.

Das erste Projekt war das KinderErlebnisBuch „Kosmo & Klax“. Ersonnen wurden die Geschichten über das Eichhörnchen Kosmo und den roten Ball Klax von der Autorin Alexandra Helmig, illustriert von der Berliner Künstlerin Christine Haberstock. Die im Comicstil gezeichneten Bücher führen in verschiedene Themenwelten, die angehängten Erlebniskarten im Stoffbeutel machen die Geschichten im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar. Ein ähnliches Prinzip bestimmt das Bilderbuch „Fenna“, das allein durch seine Aufmachung mit Transparentpapierseiten und Freiflächen zum Ausmalen zum Bespielen einlädt.

Genau genommen besitzt mixtvision verschiedene Standbeine: Da sind zum einen die „wissensbildenden Unterhaltungssendungen fürs Fernsehen“, wie Zembol Shows à la „Wie schlau ist Deutschland?“ nennt. Zusätzlich kooperiert man mit einer Hamburger Firma für das Projekt pikcha.tv, ein Bilderbuchfernsehen übers Internet, das für die Allerjüngsten geeignete Filme zeigt. Und seit kurzem engagiert sich mixtvision recht erfolgreich im Dokumentarfilmbereich. Der Schwerpunkt des Verlages liegt daher klar auf Interaktivität. Zembol betont: „Wir wollen keine normalen Kinderbücher machen. Da gibt es genug tolle Verlage, die das hervorragend erledigen. Wir haben von Anfang an eine Nische gesucht und wollten Bücher produzieren, die Kinder im doppelten Sinn bewegen.“ Die Kleinen sollen nicht nur Bilder ansehen, sondern mitmachen. Anfassen. Hinterfragen. „Nicht umsonst lautet unser Motto: ‚Mehr als Lesen‘“, fügt Zembol hinzu. So erfand mixtvision unter anderem das „KeinBuch“, eine Aufforderung zum bibliophilen Ungehorsam, dem Kinder jeder Altersgruppe mit Freuden nachkommen dürften. Denn sie sollen den schmalen Band nach Herzenslust bearbeiten: Löcher hinein schneiden oder brennen, das Buch verzieren oder bemalen.

Schnitzeljagd

mit GPS

Programmleiterin Lena Frenzel veranschaulicht an dem von Ex-Harald-Schmidt-Sidekick und Wanderbuch-Autor Manuel Andrack verfassten Kinderbuch „Cache“, was eigentlich so neu und für mixtvision doch längst Programm ist: „Geocaching ist eine Schnitzeljagd per Navigationssystem GPS (Global Positioning System). Menschen verstecken kleine Dosen mit irgendeinem Inhalt, geben im Internet Hinweise dazu mit den Koordinaten und andere Leute suchen das. Es geht weniger darum, einen Schatz zu heben, als um die Suche an sich.“ Als man bei mixtvision vom Geocaching hörte, dem mittlerweile mehr als drei Millionen Erwachsene in Deutschland in ihrer Freizeit frönen, war schnell klar, dass sich daraus auch für Kinder ein Trend ergeben könnte. Schließlich soll der Nachwuchs hinaus an die Luft und nicht nur vor der Glotze herumlungern. Nun kann die gesamte Familie, unterstützt vom GPS-Gerät und dem Andrack-Buch „Cache! Wir finden ihn!“ den Sonntagsausflug begehen.

Parallel entwickelte mixtvision eine Internetseite, die sich dem Thema Geocaching kindgerecht widmet. „Eines ist klar“, fasst Lena Frenzel zusammen: „Wir gehören nicht zu den Buchverlagen, die die neuen Medien verteufeln. Wir machen Bücher, ja. Aber wir sehen auf der anderen Seite, dass die digitale Welt an den Kindern und Jugendlichen heute nicht spurlos vorbeizieht. Unser Anliegen ist es daher, den Kindern, die sich in dieser Welt bewegen, ein aus unserer Sicht optimales Angebot zu machen, das verschiedene Medien miteinander verbindet.“

Ulrike Frick

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Jonas Kaufmanns Otello: Nur ein Seitensprung
Diesem Debüt hat die Opernwelt entgegengefiebert: Jonas Kaufmann singt in London erstmals die Titelrolle von Verdis „Otello“. So ganz passt die Partie nicht zu ihm.
Jonas Kaufmanns Otello: Nur ein Seitensprung
Verschwitzte Sommernacht mit „The Whiskey Foundation“ im Strom
Verschwitzte Sommernacht mit „The Whiskey Foundation“ im Strom
Glut in der Zwiebel
Zum Auftakt des Münchner Filmfests wird der erste Dokumentarfilm über Bud Spencer uraufgeführt.
Glut in der Zwiebel
Don Giovannis Affären: „Frauen wollen das“
Man kann ihn als verrucht und verdorben abtun, man kann allerdings auch die Schuld ein Stück weit bei den Opfern Don Giovannis suchen - so wie es Regisseur Herbert …
Don Giovannis Affären: „Frauen wollen das“

Kommentare