+
Choreographin Pina Bausch ist die wichtigste Erneuerin des Tanztheaters.

Sie revolutionierte den Tanz

Jahrhundertchoreographin Pina Bausch starb mit 68 Jahren – Sie beeinflusste auch Film, Oper und Theater

Sie war die Grande Dame des Tanztheaters. Eine Jahrhundertchoreographin , die nicht nur den Tanz revolutionierte. Mit ihrer ganz anderen Körpersprache, mit ihrer Hinterfragung von Bühnenkonventionen hat sie auch das Theater, die Oper und den Film tiefgreifend beeinflusst. Sie war einzig. War. Pina Bausch verstarb gestern morgen. Erst vor fünf Tagen wurde bei ihr Krebs diagnostiziert. Und sie schien doch in ihrer spartanischen Lebensweise nie anfällig für Krankheiten. Man kannte sie nur als eine Dauerarbeiterin. Zum Arzt ist sie wohl so gut wie nie gegangen. Es ist ein Schock, nicht nur für ihr Wuppertaler Tanztheater, das sie ab 1973/74 zu Weltruhm führte, sondern auch für all die Ensembles zwischen Madrid und Hongkong, Budapest und Tokio, wo sie, oft mit Co-Produktionen, gastierte. Auch für die ungezählten Zuschauer, die den Tanz durch die Bausch entdeckt haben – weil ihr Tanz eine Auseinandersetzung mit dem Menschlichen und Zwischenmenschlichen war.

„Körperlich stark, selten krank“, schreibt Jo Ann Endicott , drei Jahrzehnte lang einer ihrer markantesten Tänzerinnen und zuletzt ihre Assistentin, in ihrem jüngstem Buch „Warten auf Pina“. Aber auch: „Ich mache mir Sorgen um sie. Sie ist oft zu blass. ...sie raucht definitiv zu viel.“ Am 27. Juli wäre Pina Bausch 69 geworden. Kein Alter heutzutage – aber das, was sie in diesen Jahren kreierte, bewirkte, erreichte, das sind im Grunde mehrere Leben. Die Tochter eines Solinger Gastwirts war begabt. Und glückliche Umstände haben dieses Talent auf den richtigen Weg gebracht. 1955 beginnt die Vierzehnjährige eine Ausbildung an der Essener Folkwangschule unter Kurt Jooss , einem Schüler noch von Rudolf von Laban , dem Bewegungstheoretiker und Initiator des deutschen Ausdruckstanzes.

Bei Jooss erlebt, lernt sie die Offenheit anderen Künsten und Einflüssen gegenüber. Durch einen Studienaufenthalt (1959-61) in den USA kommt sie schon früher als die meisten hierzulande mit den neuen Techniken und Stilen des amerikanischen Modern Dance in Berührung. Ihre ersten Stücke sind noch durchgehende Tanzstücke in einem Stil zwischen Folkwang und US-Modern-Dance. Ihr „Sacre du Printemps“ von 1975, längst ein Klassiker, gehört noch in diese Phase. Aber schon Anfang der 70er-Jahre beginnen die Tanzvokabeln und die Dramaturgien sich aufzulösen. Auch keine Libretti und klassischen Musiken mehr. Und wenn, dann nur, um die Vorlagen zu zerbrechen. Mit sinnvoller Absicht. Wenn sie 1977 die Bandeinspielung von Bartóks Oper „Herzog Blaubarts Burg“ unterbricht, zurückspulen und Passagen wiederholen lässt, provoziert sie an den Bruchstellen eine reflektierende Distanz. In Blaubart und Judith stehen sich plötzlich Mann und Frau gegenüber – in ihrer Suche nach Zärtlichkeit, in ihren Missverständnissen, ihren gegenseitigen Verletzungen. Um diese Gegenüberstellung von Mann und Frau, die ganz alltäglichen Partnerkonflikte, ging es der Bausch im Wesentlichen. Und um dieses zentrale Thema – um die Sehnsucht vor allem, geliebt zu werden – ging es der Bausch. Und daraus und dafür hat sie ihre ganz neue theatrale Form entwickelt: Musik-Collagen aus Klassik und satten Schlagern, die ironisch und zugleich liebevoll uns unsere Sentimentalität bewusst machten; Bühnenräume wie aus der Natur hereingeholt: Nelkenfelder, Kakteen-Gärten, Segelschiffe, Wasserpfützen, in denen das Bausch-Volk lustvoll plantschte. Lachen und Weinen, Spott und Mitleid, Schmerz und Freude, alles durfte da sein auf ihrer Bühne. Davon waren wir verzaubert.

Aber was waren alle zuerst schockiert über ihre Gestensprache! Das machohafte Zurechtrücken der Krawatte, das Hochziehen der Hose. Die Pin-Up-Posen, die Schminkgesten der Frauen. Indem die Bausch solche Verhaltensmuster und -manien thematisierte, verwies sie auf die Gefahren der Fremdbestimmung und der Manipulierbarkeit. „Was spiele ich, täusche ich vor, und wer bin ich?“ Damit stellte Pina Bausch auch die Frage nach der eigenen Identität.

In den letzten Jahren ist sie wieder mehr zum Tanz zurückgekehrt, wunderschön fließendem Tanz, der auch die neueren athletisch-artistischen Strömungen integrierte. Auch darin war sie eine Meisterin. In die Tanzgeschichte aber wird sie eingehen, als jemand, der die Zuschauer anders und neu sehen gelehrt hat, als eine Künstlerin, die die Tür aufgestoßen hat zu Gefühl und Empfindung.

Pina Bauschs Tanztheater sei nicht politisch, sagt man. Aber ist nicht gerade jene Kunst politisch, die Entscheidendes bewirkt hat?

von Malve Gradinger

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
München - Wer das Wort „fantastisch“ im Namen führt und auszieht, sein Best-of unters Volk zu bringen, der hängt die Messlatte hoch. Die Fantastischen Vier erfüllen den …
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
Im Reich von Mode und Magie
Zürich - Spätestens seit dem Terroristen-Epos „Carlos“ ist der französische Filmemacher Olivier Assayas auch deutschen Kinofans ein Begriff. Sein preisgekröntes Drama …
Im Reich von Mode und Magie
Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
München - Hansi Kraus ist der ewige Lausbub - auch, weil er diesen in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten verkörpert. Im Interview spricht Kraus auch über die …
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“

Kommentare