Vom Revoluzzer zum Spießer

- Als Vorspeise gibt es Reismehlravioli, gefüllt mit Steinpilzen in Geflügelbrühe mit gehobeltem Trüffel, anschließend steht Gänseconfit mit Foieklößchen an Schminkbohnen auf der Speisekarte und als Dessert schwarze Schokolade mit Kokosschaum und Mangojus. Keine Frage, die "Alten Freunde", die sich in Rafael Chirbes' gleichnamigem Roman nach Jahren wiedertreffen, verstehen es zu leben.

Das stilvolle Dinner bildet den perfekten Rahmen für ein nostalgisches Schwelgen in gemeinsamen Erinnerungen. Sollte man meinen. Wäre da nicht der unerbittliche Autor, der uns einen Tiefenblick ins Innenleben der Figuren und damit gleichzeitig in die spanische Gesellschaft von heute gestattet.<BR><BR>Weinproben, Bungalows und ein rotes Parteibuch<P>Mit "Alte Freunde" vervollständigt Rafael Chirbes sein Panoptikum von Spanien seit dem Bürgerkrieg, nachdem er in "Der lange Marsch" die Zeit der Diktatur thematisierte und in "Der Fall von Madrid" den Tag von Francos Tod als Moment des Wandels festhielt. Nun ist er in der Gegenwart angelangt, und zu deren Analyse greift er auf ein eher konventionell wirkendes inhaltliches Schema zurück.<BR><BR>Es ist die oft gehörte Geschichte der verlorenen Jugend und der im Sande verlaufenen Ideale. Die Mitglieder einer revolutionären Zelle, die während des Franco-Regimes Molotowcocktails warfen und Flugblätter verteilten, die radikal und unangepasst waren, haben sich nun, in die Jahre gekommen, nur allzu gut mit der Gesellschaft arrangiert. Da ist Rita, die als PR-Managerin für teure Weine Redakteure von Fachzeitschriften nervt und von Weinprobe zu Weinprobe hetzt. Pedrito baut die Mittelmeerküste mit windigen Ferien-Bungalows zu. Narciso macht als Politiker in der Sozialistischen Partei Karriere. Guzmá´n und Ana wissen ihre linksintellektuelle Aura als Multimedia-Unternehmer und als Galeristin bestens in bare Münze umzusetzen.<BR><BR>Freundschaften und Lieben von einst sind in Ressentiments oder offene Feindschaft umgeschlagen. Spannend und ungewöhnlich wird der Roman aber durch einen erzählerischen Trick des Autors. Er reiht innere Monologe verschiedener Figuren aneinander, so dass der Leser jeden von ihnen aus verschiedenen Blickwinkeln kennen lernt. Aus der mal böswillig analytischen, mal begehrlich verklärenden Perspektive der anderen. Aber eben auch aus der Innensicht, die Identifikation erlaubt.<BR><BR>Rita hat sich nach dem Drogentod ihres Sohnes und der Verzweiflung an der Egozentrik ihres Mannes, des Schriftstellers Carlos, in ein Spießer-Idyll ohne große Leidenschaften und ohne Anspruch auf Tiefgang geflüchtet, in dem sie die unkomplizierten Momente der Freude genießt. Lächerlich oder vernünftig? Und Carlos, der, gestützt auf solidarische, aber unaufrichtige Ermutigungen, immer davon träumte, einen großen Roman zu schreiben, hat nach Jahrzehnten noch immer nichts veröffentlicht und hält sich als Makler über Wasser. Peinlich oder tragisch?<BR><BR>Klare Antworten oder Verurteilungen sind nicht Chirbes' Sache. Intelligent verwischt er auch die klischeehafte Abgrenzung zwischen der vermeintlich guten alten Zeit der Ideale und dem sinnentleerten Materialismus der Gegenwart. An die konfliktreiche Vergangenheit denkt eigentlich keiner mehr so gern zurück. Und bezüglich der Gegenwart stellt sich die unbequeme Frage nach Erfolg oder Scheitern. Franco ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert tot, Spanien eine Demokratie. Doch die Sozialisten haben sich als korrupt erwiesen, und die Rechte regiert das Land, bisweilen mit dem faden Beigeschmack alter Zeiten. Einen Grund zum Feiern bietet jedenfalls weder das Gestern noch das Heute. Aber wer der Veranstaltung einfach fernbleibt, ist feige.</P><P>Rafael Chirbes: "Alte Freunde". <BR>Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. Kunstmann Verlag, München, 240 Seiten; 19,90 Euro. <BR>Der Autor stellt den Roman heute, 19.30 Uhr, im Münchner Instituto Cervantes, Marstallplatz, vor.<BR></P>

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