Rhapsodie des Abschieds

Gärtnerplatz-Ballett: - Elf Jahre - und Engagement, Enthusiasmus bis zum Schluss. Am Sonntag, 19 Uhr, präsentiert Philip Taylor mit seinem BallettTheater München (BTM) seine letzte Premiere im Gärtnerplatztheater, bevor dort im Herbst Braunschweigs Noch-Tanzchef Henning Paar im Gefolge des neuen Intendanten Ulrich Peters einzieht. Mit Peters hatte Taylor keinen gemeinsamen Nenner finden können.

Nun also zum Finale der Ära Taylor, die an diesem einst eher konservativen Haus den Modern Dance durchsetzte, ein konzentrierter Taylor-Abend: mit seinen "Goldberg-Variationen" von 2000 und der neuen "Rhapsody in Blue" zum titelgebenden George Gershwin sowie John Adams, Charles Ives und Irving Berlin.

Ohne Macht des Tanzchefs

"Es ist ein Abschiedsstück für das Haus und für meine Tänzer", sagt Taylor, wie immer in seiner britischen Gentleman-Art, offen fürs Gespräch, zuvorkommend. Verhehlen kann er es nicht, dass ihm der Abschied verdammt wehtut. Aber er kämpft gut dagegen an: "Es ist einerseits eine traurige Situation. Aber Sie wissen schon, ich bin Engländer. Und die sind für ihre positive Lebenseinstellung berühmt. Ich verwende ja bewusst den Gershwin-Titel. Mit der Farbe Blau assoziiert man auch Himmel, Weite, Freiheit, also Hoffnung.

Was mir wichtig ist, dass die Leute lachen können, vielleicht auch weinen, aber am Schluss des Stücks soll deutlich werden: Wir gehen alle weiter... nicht das BTM, nicht ich als Ballettdirektor. Aber mein Leben ist noch nicht vorbei."

Das klingt gut, doch darunter spürt man die Verletzung. Philip Taylor, mit Tänzer-Karriere im ganz besonderen Nederlands Dans Theater, hat sich wohl nie so richtig auf das an Staatstheatern übliche Rotationsprinzip von Intendanten und Stab eingestellt. Er war als Tanzchef, fast wie ein Familienvater, völlig auf das Führen und Fördern konzentriert. Was auch seinen Erfolg ausmachte: Sein Ensemble ertanzte sich mit ungemein charmantem Können und umwerfender Energie ein neues Gärtnerplatz-Publikum. Und durch Taylors neidlosem Ansporn wurde das BTM regelrecht zu einer choreographischen Talente-Schmiede. Noch einmal, am 30. Juni, in "Tänzer choreographieren", können die BTMs ihre Kreativität beweisen.

Hätte Taylor das alles nicht retten können mit Kompromissen, wie Henning Paar (hat statt 21 nur noch 17 Tänzer) sie offensichtlich eingegangen ist? "Darum geht es nicht", sagt er. "Ich habe in den elf Jahren zwei Opern choreographiert, ohne Tänzer. Auch eine Operette mit Tänzern und ein Musical plus Regie-Assistenz. Ich bin gar nicht gegen einen solchen Service, wenn mir erlaubt ist, bei der Auswahl, bei Planung und Konzept eines Stücks mitzusprechen. Bei Klaus Schultz hatte ich dieses Mitspracherecht. Es ist im Theater wie im richtigen Leben, es geht darum, den richtigen Partner zu finden. Dann sind alle Probleme zu lösen."

Zu den Zusammenlegungen und Schließungen von Tanzensembles landauf, landab, meint Taylor lapidar: "Glauben Sie wirklich, dass die Streichung des nur sechsköpfigen Coburger Ballettensembles das Theater finanziell sanieren könnte?"

Und seine Zukunft? "Ich habe nicht wirklich versucht, für September eine feste Position zu bekommen. Ich möchte jetzt nicht arrogant klingen, aber ich bin nicht interessiert, ans Theater zu gehen, nur um der Position Willen. Ich kann kreativer arbeiten und mehr Arbeit leisten mit Studenten oder mit Tänzern in einer anderen Umgebung", sagt Taylor und geht über zum freudigen Ausblick: "Mit 18 war ich professioneller Tänzer. 30 Jahre sind so nur mit Arbeit vergangen, davon 13 in der Tanzdirektion, zuerst zwei Jahre in Augsburg, dann elf in München. Jetzt endlich erlaube ich mir zum ersten Mal einen langen Urlaub. Im Oktober und November gehe ich auf Safari nach Südafrika. Tiere im Zirkus oder auch im Zoo, das fand ich als kleiner Junge furchtbar. Seit meiner Kindheit habe mir gewünscht, die wilden Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu erleben", erzählt Taylor.

"Danach bin ich Gastlehrer in England, anschließend an einer holländischen Akademie. Und dann schaue ich: Fühle ich mich jetzt verloren, ohne diese Macht des Tanzchefs? Bin ich weniger wert? Wenn die Antwort ‚ja’ ist, dann muss ich etwas suchen. Wenn die Antwort ‚nein’ ist, dann bin ich doch okay."

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