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Der unmittelbare Kontakt zu dem freischaffenden Künstler William Youn eröffnete den Schülern der Musik-Leistungskurse im Theresien-Gymnasium eine neue Dimension für die eigene Arbeit.  

„Rhapsody in school“:  besucht Münchner Gymnasium

München - Im Rahmen des Projektes "Rhapsody in school" war im Münchner Theresien-Gymnasium ein freischaffender Pianist zu Gast. Der Musiker erzählte den Schülern von seinem Leben mit der Musik.

Ein blondes Mädchen in der Schulbank dreht sich die Zigarette für danach. Unauffällig, routiniert. „Danach", das ist nach dem Musikunterricht, der heute keineswegs nach Schema F abläuft und den die Schüler sogar freiwillig übers Klingeln hinaus überziehen. Denn sie haben einen Gast: Pianist William Youn. Er erzählt den Schülern der Musik-Leistungskurse am Münchner Theresien-Gymnasium, wie sein Leben mit, in und von der Musik aussieht. „Rhapsody in school" macht’s möglich.

Der renommierte, deutsche Pianist Lars Vogt rief „Rhapsody in school" 2005 ins Leben. Er und seine vielen mitmachenden Kollegen (von Julia Fischer über Sol Gabetta, Martin Helmchen, Sharon Kam, Franois Leleux, Nils Mönkemeyer, Alice Sara Ott, Herbert Schuch, Jörg und Carolin Widmann bis Tabea Zimmermann) wollen den Kindern an deutschen Schulen Ohr und Herz für die klassische Musik öffnen. Da das gemeinsame Singen oder gar die Hausmusik in den Familien heute längst nicht mehr gang und gäbe sind, sieht Vogt an den Schulen eine Chance für den „emotionalen Erstkontakt mit Musik". Hier will er mit den anderen Mitstreitern die Kinder treffen, abholen und in ein reiches, fantastisches Land locken.

Zugegeben, im Münchner Theresien-Gymnasium traf William Youn nun nicht gerade auf musikalisch unterversorgte Kinder, sondern auf die von Oberstudienrätin Heidi Speth unterrichteten Leistungskursler, von denen etliche selbst ein Instrument spielen. Dennoch eröffnete der Kontakt auf Augenhöhe – „wir können auch Du sagen" – zwischen freischaffendem Musiker und Schülern eine neue Dimension.

William plaudert zunächst aus dem Nähkästchen: Er erzählt, dass er schon im Kindergarten vom Klavier fasziniert war, dass sein Vater aber lange glaubte, Pianist sei kein seriöser Beruf für einen Mann. Und er verrät noch mehr: „Beim Üben war ich immer faul", grinst der junge Mann aus Seoul. Seine Zuhörer lachen. Ob das ein gutes Rezept ist?

Auf jeden Fall hat es William Youn geschafft: Er ging als 13-Jähriger mit seiner Lehrerin in die USA, absolvierte dort die Schule und begann als 19-Jähriger sein Klavierstudium in Hannover bei Karl-Heinz Kämmerling. Mittlerweile lebt er in München – „das so viel zu bieten hat und wo die Menschen die Kunst schätzen". Er mischt auf dem Klassikmarkt mit, konzertiert und hat gerade seine zweite Chopin-CD herausgebracht.

Chopin hat er denn auch für die Schüler, die vom 200. Geburtstag des polnisch-französischen Meisters noch nicht infiziert sind, im Gepäck: Mit einem Nocturne und einem Walzer entführt er seine hingebungsvoll lauschenden Zuhörer in romantische Gefilde. Und öffnet dann seine Assoziations-Schatztruhe. William Youn will nicht nur Töne treffen, er will den jungen Zuhörern Geschichten erzählen: Beim Nocturne etwa von einer Vollmondnacht am Chiemsee und beim Walzer von Chopins Leben in zwei Welten – der von „slawischer Tragik" geprägten polnischen und der der eleganten Pariser Salons.

„Auch ich habe Momente, in denen ich nicht weiß, wohin ich gehöre", gesteht der junge Wanderer zwischen den Kulturen und fühlt sich Chopin sehr nahe. Zwei mutige Schülerinnen nutzen die Gunst der Stunde und spielen dem Profi vor: Miriam (19) stürzt sich in Schumanns „Karnevalsschwank aus Wien", und Brigitte (18) wagt sich an Debussys „L’isle joyeuse" (Insel der Freude). William lauscht aufmerksam und legt dann los: Er animiert die jungen Damen zum Fantasieren, reißt alle mit in seine Bilderfluten und schwärmt von höchst unterschiedlichen Charakteren. Da hört er bei Schumann „eine Maus und eine Katze" oder „ein altes Ehepaar, das seit 50 Jahren verheiratet ist". Bei Debussy „malt" er eigenhändig mit, weckt Stimmungen und ruft der Spielerin zu: „Genieß es!"

Nach dieser Mini-Masterclass lässt er sich bereitwillig ausfragen. Er berichtet vom Gesichter-Schneiden der Musiker, das zwar sehr emotional wirke, während die Musik oft gar nicht so klinge. Er gibt Auskunft über „die richtige" Klaviertechnik und ermuntert die Spieler: „Jeder muss seinen eigenen Weg finden." Und auf die Frage nach dem Lampenfieber gibt er eine Antwort, die im Ohr der Abiturienten Balsam sein muss: „Ich hatte einmal eine kurze Zeit Angst, als ich glaubte, perfekt sein zu müssen. Aber ich muss es nicht sein, ich kann einfach loslassen…"

Gabriele Luster

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