+
Natürlich sei Disziplin wichtig, sagt Riccardo Chailly in unserem Gespräch. Doch allein damit könne der Funke zwischen Dirigent und Orchester nicht überspringen. Morgen stürzt sich der Italiener mit dem BR-Symphonieorchester in Edgard Varèses „Arcana“ und Franz Liszts „Faust-Sinfonie“.

Der Energische

Riccardo Chailly gastiert beim BR-Symphonieorchester

München - München war schon früh Dreh- und Angelpunkt seiner Karriere: Jetzt ist der Italiener Riccardo Chailly wieder zurückgekehrt - als Gast-Dirigient beim BR-Symphonieorchester.

War die Uhrzeit richtig notiert? Hatte man einen anderen Ort ausgemacht? Als der Concierge im Bayerischen Hof nach mehrmaligen Versuchen, den Maestro im Zimmer zu erreichen, ratlos die Schultern zuckt, biegt Riccardo Chailly lässig um die Ecke und erkennt den schwitzenden Journalisten. Er war auf einem kleinen Morgenspaziergang, eine italienische Tageszeitung hat er noch unterm Arm. Mit einem Strahlen, das durch den charakteristischen, mittlerweile weißen Fünf-Tage-Bart eine angenehme Wärme ausstrahlt, stürzt er sich ins Gespräch, allerdings nicht ohne einen Espresso.

Da ist er also ganz Italiener, zu Gast in einer Stadt, die schon früh Dreh- und Angelpunkt seiner Karriere wurde. In den Siebzigerjahren gastierte er bei den Philharmonikern und an der Staatsoper, nachdem er sich als blutjunger Assistent von Claudio Abbado an der Mailänder Scala einen Namen gemacht hatte. Deutschland sollte bald und bis heute zur zweiten Heimat werden, die erste Chefposition führte ihn zu DDR-Zeiten zum Radio-Sinfonieorchester nach Berlin: Auch während seiner ruhmreichen Ära beim Concertgebouw in Amsterdam hielt er Kontakt.

Es dauerte allerdings bis 2010, dass er zum ersten Mal am Pult des Sinfonieorchesters des Bayerischen Rundfunks stand – und sich schnell mit den Musikern verstand, „nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich“. Absolute Disziplin sei wichtig, aber nur mit professioneller Seriosität könne kein Funken überspringen. Deswegen kann Chailly es kaum erwarten, mit dem Orchester gerade dieses Programm zu erarbeiten: Mit Edgard Varèse (1883-1965) steht ein Komponist im Mittelpunkt, dessen Gesamtwerk Chailly bisher als Einziger bereits Ende der Neunzigerjahre aufgenommen hat: Von seinem ersten Mentor, seinem Vater, wurde Chailly auf diesen Sonderling des 20. Jahrhunderts aufmerksam gemacht, in Berlin habe er viel mit Peter Ruzicka erarbeitet, seither nimmt er Varèse immer wieder ins Programm. Vor allem die Behandlung des Schlagzeugapparats fasziniert Chailly, kombiniert mit dem „fantastischen Gespür für Bläserklangfarben“ des Komponisten. Dann wäre da noch der Humor: Bei einer Portamento-Stelle der Solo-Posaune schreibt Varèse etwa ein langes Lachen in die Partitur. Beeindruckend schon allein, wie der Dirigent das nachsingt, oder besser gesagt: sich durch sein Stimmregister stürzt, vom Jaulen zum tiefen Grummeln.

Varèse hat den Titel seines Werks, „Arcana“, der Naturwissenschaft entlehnt, damit ist etwas Verborgenes gemeint. Für Chailly ist „Arcana“ letztlich das Unbeschreibliche – und so auch eine Klammer zu Liszt und dessen „Faust-Sinfonie“. Der erste Satz mit dem verworrenen Themengeäst, um die Titelfigur zu porträtieren, gleiche einer ewigen Variation, „eigentlich genau wie bei Varèse, einfach fantastisch!“ Chailly schwärmt vom Mephisto-Satz mit diabolischen Klangeinfällen, sein sanftes Gesicht schneidet dann eine beängstigende Grimasse. Die Frage, ob er sich eher zum Teufel oder zum Doktor hingezogen fühle, verneint er mit Gelächter: weder noch, die Musik sei das Faszinosum.

Mit seinem Leipziger Gewandhausorchester, wo er seit 2005 Chef ist, hat Chailly mit der fulminanten Beethoven-Gesamtaufnahme für Aufsehen gesorgt, gerade hat er einen Brahms-Zyklus beendet, nun stemmt er in München Liszt. Das deutsch-romantische Repertoire hat es ihm angetan – aber das habe auch mit den Orchestern zu tun. Er wolle sich nicht auf ein Kernrepertoire beschränken. Zudem habe er noch vieles vor, erst recht jetzt, nachdem er gerade 60 geworden ist. Und wieder strahlt er voller Tatendrang, Energie – und ist mit den Gedanken schon bei der Probe. Zuvor nimmt er aber noch einen Espresso. So viel Zeit muss sein.

Von Johann Jahn

Konzerte: Donnerstag, Freitag und Samstag, jeweils um 20 Uhr, im Münchner Gasteig. Karten unter 089/ 54 81 81 81.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Zeit seines Lebens hat Jerry Lewis die Menschen zum Lachen gebracht. Diese Fähigkeit schien ihm angeboren zu sein. Dabei durchlebt auch der Komiker schwarze Stunden.
Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Die griechische Filmemacherin Athina Rachel Tsangari hat zum ersten Mal am Theater gearbeitet und für die Salzburger Festspiele in Hallein Frank Wedekinds „Lulu“ …
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
Die Arena di Verona kämpft mit Affären und Finanznot. Hilfe verspricht man sich von einem Sanierungsplan - und einer Uralt-„Aida“.
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Er ist Kapitän der Rockband Eisbrecher, deren neues Album „Sturmfahrt“ jetzt erscheint. Wir sprachen mit Alexander Wesselsky über die neue Platte, billiges Fleisch und …
„Ein Hoch auf uns – Warum?“

Kommentare