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„Ich drehe immer noch dieselbe Art von Filmen wie zu Beginn meiner Karriere“: Richard Gere (67) als Kongressabgeordneter in „The Dinner“ – ab jetzt in unseren Kinos zu sehen.

Interview zum Kinostart von „The Dinner“

Richard Gere: „Ich sehe mich nicht gern“

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Hellblaues Hemd, dunkelblaue Jeans, sanftmütiges Lächeln: So präsentiert sich Richard Gere bei unserem Gespräch in Berlin. Der 67-jährige Hollywoodstar antwortet leise und eloquent – und strahlt mit seiner entspannten, souveränen Art etwas Staatsmännisches aus. Tatsächlich spielt er in dem Drama „The Dinner“, das jetzt in den Kinos anläuft, einen einflussreichen Politiker.

-Sie sind seit Jahren als politischer Aktivist unterwegs. Haben Sie je daran gedacht, in die Politik zu gehen?

Nein, nie. Als Politiker muss man ständig irgendwelche faulen Kompromisse eingehen. Das ist nichts für mich. Ich versuche lieber, meinen Einfluss als Privatperson geltend zu machen.

-Hier in Berlin haben Sie auch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel gesprochen. Wie lief das Treffen?

Es war ein fast einstündiger, sehr lebendiger Austausch. Sie ist eine gute Zuhörerin und wirkte auf mich sehr vernünftig, engagiert, stets präsent während unseres Meetings. Sie war sehr interessiert an meiner Meinung über Tibet, aber wir sprachen auch über andere Themen. Es lastet ja ein großer Druck auf Ihrem Land: In einer Welt voller rechtem Populismus erscheint mir Deutschland derzeit wie eine letzte Bastion der Vernunft. Wer hätte gedacht, dass ich als Amerikaner mal so etwas sagen würde!

-Wie beurteilen Sie denn die Entwicklung in Ihrer Heimat?

Eine Katastrophe! Wissen Sie, wir waren ja mit Obama schon auf dem richtigen Weg: Der Mann hatte erkannt, dass wir alle im selben Boot sitzen. Das ist eine gute Basis für kluge Entscheidungen. Sich jetzt mit Trump auf die „Ich zuerst“-Schiene zu begeben, ist ein peinlicher Rückfall in die Steinzeit. Gegen dieses Höhlenmenschen-Denken sollten wir entschieden ankämpfen.

-Der Politiker, den Sie in „The Dinner“ spielen, versucht verzweifelt, seinem Bruder und seinem Sohn zu helfen. Wie wichtig ist Familie für Sie?

Sehr wichtig. Meine Mutter ist zwar im vergangenen Jahr gestorben, aber ich habe noch einen 94-jährigen Vater, drei Schwestern und einen Bruder, und wir alle haben ein sehr enges Verhältnis. Wir reden ständig miteinander, jeder unterstützt jeden. Wenn ich Horrorgeschichten über andere Familien höre, in denen Geschwister jahrelang kein Wort miteinander sprechen, Eltern enteignet und Kinder enterbt werden, dann wird mir bewusst, was ich für ein Riesenglück habe, dass ich auf eine so große emotionale Unterstützung durch meine Familie bauen kann.

-Sie haben auch einen 17-jährigen Sohn. Haben Sie es geschafft, während wochenlanger Dreharbeiten den Kontakt zu ihm nicht zu verlieren?

Ich habe schon vor vielen Jahren entschieden, nie mehr als eine Stunde von meinem Sohn entfernt zu sein. Deshalb habe ich seither nur in Filmen mitgespielt, die in und um New York gedreht wurden. Einzige Ausnahme war „Best Exotic Marigold Hotel 2“ – aber da sorgte ich dafür, dass ich nur zwei Wochen in Indien sein musste.

-Heißt das etwa, Sie wählen Ihre Filmprojekte nach den Drehorten aus?

Nicht nur. Entscheidend ist für mich, wer Regie führt. Ich kann nicht mit bösartigen, unfreundlichen oder schwierigen Menschen arbeiten – darum habe ich schon einigen großen Regisseuren abgesagt. Vor der Kamera muss ich mich geborgen und frei fühlen können, sonst funktioniert meine kreative Ader nicht. Dazu brauche ich einen Filmemacher, der eine Atmosphäre des Vertrauens schafft: jemanden wie Oren Moverman, mit dem ich „Time Out of Mind“ und „The Dinner“ gedreht habe.

-Sind Sie froh, dass Sie sich mit solchen Filmen als Charakterdarsteller etablieren und von Ihrem Image als Sexsymbol loskommen können, das Ihnen seit „Ein Mann für gewisse Stunden“, „Atemlos“ und „Pretty Woman“ anhaftet?

Glauben Sie etwa, in den von Ihnen genannten Filmen gäbe es keine Schauspielkunst? Ich versichere Ihnen: Egal, ob „Pretty Woman“ oder „The Dinner“ – es ist stets dieselbe Form von Schauspielerei. Das sind alles nur Filmfiguren. Sicher, sie tragen gewisse Züge von mir, und meine eigenen Erfahrungen hauchen ihnen Leben ein, aber keine von ihnen ist ich.

-Inwieweit hat sich Hollywood seit damals verändert?

Für mich kaum. Ich drehe immer noch dieselbe Art von Filmen wie zu Beginn meiner Karriere. Das waren alles Projekte mit hohem Qualitätsanspruch, nuancierter Inszenierung und vielschichtigen Filmfiguren. Ich habe nie in Filmen mit üppigem Budget gespielt – auch wenn manche später großen Erfolg an der Kinokasse hatten.

-Welchen Ihrer Filme mögen Sie am liebsten?

Ach, meine eigenen Filme schaue ich nie an. Ich sehe mich überhaupt nicht so gern. Ich habe auch so gut wie keinen Spiegel zu Hause. Es interessiert mich nicht, und zudem bin ich meistens mit meiner Leistung auf der Leinwand unzufrieden – ständig wünsche ich mir, ich hätte dieses oder jenes besser gemacht!

-Schauen Sie sich nie mal zum Spaß „Pretty Woman“ an?

Na ja, dem Film entkommt man ja praktisch gar nicht, der läuft doch ständig auf irgendeinem Kanal. Wobei ich zugeben muss: Wenn ich beim Zappen darauf stoße, bleibe ich zwangsläufig eine Weile hängen. Aber den kompletten Film habe ich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Ich erinnere mich, dass ich ihn damals in einer Sneak Preview in einem ganz normalen Kino angeschaut habe – zusammen mit Julia Roberts: Wir saßen unerkannt in der letzten Reihe, mit Popcorn auf dem Schoß, und haben uns wie alle anderen Kinobesucher köstlich amüsiert. Der Film hat einfach etwas Zauberhaftes, das sich nicht nach einer Formel fabrizieren lässt. Pure Magie!

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