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Genialer Verführer und erfolgreichster Komponist nicht nur seiner Zeit: Richard Strauss (1864 – 1949).

150. Geburtstag

Richard Strauss: Nicht zu fassen

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Genie oder Meister der Oberfläche? Mitläufer oder Star in der inneren Emigration? Gewitzter Geschäftsmann oder geldgieriger Künstler? So eindeutig lässt sich das bei Richard Strauss nicht beantworten. Ein Versuch zu seinem 150. Geburtstag.

Über sich war er sich früh im Klaren – und hat das Anno 1901 in seiner zweiten Oper mit aller Dezibelgewalt auch heraustrompetet: Münchens Spießbürger haben, so fand er, keine Ahnung von seinem Genie, von ihm, dem einzigen Thronfolger Richard Wagners. Abgesehen von der frauenfeindlichen Handlung ist das so ziemlich die Essenz der „Feuersnot“ von Richard Strauss. Ein 37-Jähriger mit einer Überdosis Chuzpe. Komponisten, die ihre Magenverstimmung oder die ihrer Frau vertonten, seien ihm verdächtig, hat einmal Nikolaus Harnoncourt geätzt. Strauss müsste vor diesem Hintergrund ein Hauptverdächtiger des Dirigenten sein.

Dass in jedem Opus Herzblut und Seele seines Schöpfers steckt, ist eine Binsenweisheit. Dass ein Künstler sich und seine (in seinen Augen feindliche) Umwelt so unverhohlen thematisiert dagegen eine Seltenheit. Es ging ja weiter bei Strauss. Die Tondichtung „Ein Heldenleben“ trägt Züge der Selbstverherrlichung (auch wenn er dies verbal abschwächte), die Oper „Intermezzo“ und die „Sinfonia domestica“ sind klingende Schnappschüsse aus der Garmischer Villa. Ob so etwas überhaupt jemanden interessiert? Kommt eben darauf an, wie gekonnt es serviert wird.

So wirkt Musik auf unseren Körper

So wirkt Musik auf unseren Körper

Zwischen Selbstbewusstsein und Egomanie fehlt nicht viel. Und Richard Strauss war einer, der die Grenze nicht aus Versehen, sondern mit voller Absicht übertrat. Auch weil ihm zwei Dinge Recht gaben: sein immenses Können und sein ebensolcher Erfolg. Jede Beurteilung des heutigen Jubilars trägt ein Einerseits-Andererseits in sich. Die Bewunderung seiner Kunst und die Abscheu vor seinem (auch künstlerischen) Opportunismus. Es mag Tonschöpfer geben, die die Flagge der Welt- und Menschenverbesserer vor sich hertrugen. Der Freiheitskämpfer Beethoven, der Weltentwurfs-Architekt Wagner, letztlich sogar der weise Seelenanalytiker Mozart.

Stoffe, die über ihren Handlungsgehalt hinausweisen, gab es auch bei Strauss. Sei es im Falle der (Anti-)Kriegstragödie „Elektra“, in der tönenden Philosophie des „Also sprach Zarathustra“ oder in der abgründigen Innerlichkeit seiner Lieder. Doch das Paradox: Stets scheint es, als ob damit keine ethische Absicht, kein Welt- und Menscherklärungsmechanismus verbunden ist. Strauss’ Werke ruhen auf eine eigentümliche Weise in sich, selbstbewusst, satt und auch selbstherrlich, sind l’art pour l’art. Und es verwundert nicht, dass ein Opus, das die Künstlichkeit feiert und das in einem sorgsam gedrechselten, nur scheinbar historischen Ideal-Wien spielt, zum größtem Erfolg wurde: „Der Rosenkavalier“.

In einer Zeit, in der sich nicht Koordinaten verschoben, sondern ganze Koordinatensysteme zu Bruch gingen, bildete das Œuvre von Strauss so etwas wie eine letzte, rettende Insel. Sein Avantgarde-Pensum hatte er mit „Salome“ und „Elektra“ geleistet, damit viele verstört (und für sein Riesenvermögen die Basis gelegt), nun konnte er, der konservative Bildungsbürger, weitaus unbeschwerter ins 19. Jahrhundert zurückblicken.

Strauss begriff sich als schöpferische Existenz

Vor allem und allen anderen kam bei Strauss einer: Strauss. Er begriff sich als schöpferische Existenz, die so lange als möglich versuchte, der (und vor allem seiner) Kunst die unbeschwerte Ausübung und Verbreitung zu sichern. Auch und erst recht in Deutschlands brauner Zeit. Von daher ist es fast logisch, dass Strauss nicht nur den Vorläufer der Musikverwertungsgesellschaft Gema mitgründete, sondern sich auch zum Präsidenten der Reichsmusikkammer berufen ließ. Parameter wie Einfluss, Bedeutung und Narzissmus spielen dabei eine Rolle. Aber eben auch andere Gedanken: Ob man, so mag sich Strauss gefragt haben, dadurch nicht Fanatismus und Intoleranz eindämmen könnte? Wenig überraschend bewegte er sich in dieser Position zwischen Mitläufertum, Lavieren und sachtem Protest. Strauss betrachtete sich als (wichtigen) Teil eines, seines deutschen Systems. Eines Systems, dem er die kulturelle Vorherrschaft sichern wollte – was nicht zuletzt mit den Aufführungen seiner Werke zusammenhing. Hitler pries er als „großen Architekten des deutschen Gesellschaftslebens“. Als Strauss an Stefan Zweig festhielt, am jüdischen Textdichter seiner „Schweigsamen Frau“, deren Dresdner Uraufführung 1935 anstand, führte dies allerdings zu ernsthaften Verstimmungen bei den Nazis. Und doch bleibt dabei eine Sache unbeantwortet: Tat es Strauss aus Mitleid? Aus humanitären, gar politischen Gründen? Oder eben doch „nur“ aus den Erwägungen, einen, „seinen“ Künstler vor den Barbaren zu schützen? Ein Unpolitischer sei er eben gewesen, heißt es gern als Erklärung. Als ob es so etwas wirklich geben kann, gerade in Zeiten wie denen von Strauss. Schweigen zu wollen, auch das bedarf einer Entscheidung.

Ohnehin hatte Strauss bald von Großstädten wie Berlin und Wien genug. Von den Metropolen mit ihrem chaotischen, Strauss lästig gewordenen Leben. Dass er sich nach Garmisch zurückzog, hängt nicht allein mit der grandiosen Bergkulisse zusammen, die ihn zur „Alpensinfonie“ inspirierte. Der Talkessel, geschützt, fast isoliert von der Welt, eine idealtypische, allem Unbill enthobene Szenerie – kaum ein anderer Wohnort hätte besser zu Strauss gepasst. Zu ihm, der 1942, als alles in Trümmern zu fallen begann, mit „Capriccio“ ein Werk zur Uraufführung brachte, das thematisierte, ob Wort oder Musik wichtiger fürs Gelingen einer Oper seien.

Es gibt, so denken viele, für dies alles eine Generalentschuldigung, die den Künstler vom Menschen trennt. Nicht so leicht lässt sich die wegdiskutieren: Bei keinem anderen darf sich das Orchester so herausgeputzt fühlen wie bei Strauss. Kaum ein anderer ist so tief eingedrungen in die Möglichkeiten und ins Potenzial des Instrumentariums. Dass dabei vieles an seinen Werken kalkuliert und „gemacht“ ist, dass man die Absicht nicht nur ahnt, all das verstimmt kaum. Ein Verführer ist hier am Werk. Gnaden- und konkurrenzlos in der Anwendung seines musikalischen Wissens und Empfindens. Es gibt viele große Interpreten, die Richard Strauss in dem, wie er seine Einfälle präsentiert, für den Allergrößten halten. Und denen folglich, wie vielen Hörern, das Ausblenden des „anderen“ Strauss umso leichter fällt. Eine Gewissheit gibt es also, immerhin: Nicht zu fassen sind dieser Mann und seine Kunst. Strauss macht fassungslos.

Von Markus Thiel

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