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Die Gralsgesellschaft um den verwundeten  Amfortas (Gerald Finley, unten) wartet auf Erlösung. Das Publikum auch.

Premierenkritik

„Parsifal“ bei den Osterfestspielen Baden-Baden: Gefangen im Ikea-Lager

  • Markus Thiel
    VonMarkus Thiel
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Regie-Altmeister Dieter Dorn enttäuscht in Baden-Baden mit einem inhaltlich dünnen „Parsifal“, der sich nur im Kleinklein erschöpft.

Baden-Baden - Ein Kreuz ist das mit dem Gral. Alles schon durch: Nebulöser Gottesdienst samt Weihegeschreite, Extremstilisierung aufs Tableau, Post-Apokalypse nach der Atombombe, Überblendung mit Mittelalter und Stückgeschichte, auch die kritische Verweigerung – leicht passiert’s beim „Parsifal“, dass dabei der Mensch zum Ornament oder gleich unterm theoretischen Überbau begraben wird. Dieter Dorn für Richard Wagners Weltabschiedswerk zu holen, den großen Menschenerkenner und -abbilder, hat also Logik und einen gewissen Charme. Schon einmal sollte Münchens Theaterlegende fürs Festspielhaus Baden-Baden inszenieren. Der „Rosenkavalier“ scheiterte damals im Vorfeld an der dort gewohnt knappen Probenzeit, Brigitte Fassbaender übernahm. Für die Premiere der diesjährigen Osterfestspiele hat es offenbar gereicht.

Ein fünfstündiges Déjà-vu für Kammerspiele- und Resi-Kenner. Aber warum sollte Dieter Dorn – obgleich er diesmal nicht auf Jürgen Rose vertraut, sondern auf dessen Assistentin Monika Staykova (Kostüme) und Magdalena Gut (Bühne) – im 83. Lebensjahr seine oft erprobten Mittel ändern? Wieder also sorgsam abgewetzte, wie absichtslose Lumpen-Archaik. Endspiel, Trauma-Bewältigung kann diese ausgebleichte Ästhetik sein, vor allem aber Vermenschlichung. Dorn spielt wieder die Rolle des Offenlassers, Nichterklärenwollers und Ermöglichers. Viel kann man in diese Figuren hineingeheimnissen. So nah wie sie uns werden, so durchlässig bleiben sie gleichzeitig.

Eine Aufführung ohne hinreichendes Ideen-Futter

Doch übers kluge Klein-Klein, über vielsagende Details kommt dieser „Parsifal“ nicht hinaus. Was man registriert: Knappen, die beim Morgengebet fast einschlafen. Gralsjünglinge, vom stummen Bewegungschor gespielt, die unschlüssig das Allerheiligste aus dem Holzschränkchen holen. Später sogar einen Gurnemanz, der sich lüstern an Kundry kuschelt, bevor sie mit einem Schrei erwacht. Doch inhaltlich, auf den Gesamtentwurf gesehen, bleibt diese Aufführung dünn, ohne hinreichendes Ideen-Futter und streift die Belanglosigkeit. Auch übrigens die Szenerie, das ständige Verschieben der rohen Holzgerüste wirkt, als werde ein Ikea-Lager für den Schlussverkauf neu ausgerichtet. Im Mittelakt wird ausgerechnet Dorn von Humor und Geschmack verlassen. Die Blumenmädchen umwuseln Parsifal mit selbst gebastelten Krepp-Accessoires. Auch andere hätten vor solch Erotik-Behauptung die Flucht ergriffen.

Dass Dorn Solisten animierte, registriert man dagegen. Franz-Josef Selig gestaltet einen aktiven, differenzierten Gurnemanz. Kein salbungsvolles Großväterchen (auch stimmlich nicht), sondern ein Strippenzieher, ohne den diese Gralsrunde, die so verbraucht ist wie ihre Kleidung, längst über den Jordan, im Baden-Badener Falle die Oos gegangen wären. Für Stephen Gould, an Tristan und Tannhäuser gestählt, ist die Titelrolle ein Spaziergang. Trotz Tapsbärchencharme ist er über den törichten Jüngling allerdings hinaus. Evgeny Nikitin (Klingsor) gibt den breitbeinigen, wie einer Heavy-Metal-Band entlaufenen Stimmfiesling. Gerald Finley gestaltet den Amfortas mit erotischer Baritonkraft als zerquälten Lear-Wiedergänger – und könnte fast Dorns einstiger Ensemble-Gralsrunde entsprungen sein.

Simon Rattle gelingt nur ein Episoden-Dirigat

Mit Kundry hatte Dorn offenkundig Großes vor. Zum Vorspiel entfaltet sie sich vor bauschendem Stoff aus dem Schlaf. Am Ende flüchtet sie sich vor den erlösten Rittern vor den Vorhang. Und doch schreitet diese Figur wie so vieles an diesem Abend ins Leere. Ruxandra Donose hört man die lyrische Herkunft an. Eine Kundry ohne Ekstase und ohne Überwältigungsdramatik, jetzt müsste man aus dieser Querbesetzung nur noch Profit ziehen. Auch im Zusammenwirken von Musik und Szene wird man in dieser Premiere also nicht froh – was bis ins „Parsifal“-Basiswissen geht: Die Fernchöre im ersten Akt, vom oratorisch geschulten Philharmonia Chor Wien gesungen, sind viel zu nah, direkt und damit falsch postiert.

Wie sein Vorgänger Claudio Abbado wählt sich Sir Simon Rattle den „Parsifal“ als Abschiedsoper von den Berliner Philharmonikern. An Abbados weitatmigen, druckfreien, ins Impressionistische reichenden Zugriff darf man hier nicht denken. Die Verwandlungsmusiken, der Auen-Zauber, das ist bis in die Verästelung hinein luxuriös gespielt. Und doch bleibt alles Episoden-Dirigat: In seiner Partitur-Begeisterung mag Rattle von manchen Stellen gar nicht mehr lassen, dehnt sie bis zum Nullpunkt oder dimmt sie bis ins Unhörbare. Mehr Tondichtung, mehr geschmäcklerische Aufdröselung ist diese Deutung, weniger Theatermusik. Jubel für die Rattle-Fraktion, Dorn kassierte Buhs. Ihn habe an diesem Opus „anhaltend fasziniert“, so sagt er im Festspielmagazin, dass die Musik auf der Stelle trete. Hier passiert das gleich einer ganzen Aufführung.

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